Hochzeitstreffen

Thomas Christian Dahme | veröffentlicht am 03.07.2020

Zum grossen Hochzeitstreffen waren die Hochzeiten zahlreich erschienen: Sowohl die grüne als auch die papierne, die silberne wie die goldene, ja selbst die hochbetagte eiserne Hochzeit versammelten sich mit all den anderen in trauter Runde.

Hochzeitstreffen
Markus Grolik | (Nebelspalter)

Die grüne Hochzeit erschien als erste in einem grünen Kleid und verkündete selbstbewusst: «Grün ist die Farbe der Hoffnung – und die stirbt zuletzt.» Süffisant und provokant wandte die papierne Hochzeit ein: «Aber auch sie stirbt», und fügte hinzu: «Papier ist geduldig. Und Geduld ist eine wichtige Tugend in einer Partnerschaft.»

«Manche haben ein Brett vorm Kopf und merken nicht, dass sie, obgleich sie seit fünf Jahren zu zweit durchs Leben wandeln, in Wahrheit auf dem Holzweg sind», meinte die darauf ankommende hölzerne Hochzeit. «Keine Rose ohne Dornen», zitierte die Rosenhochzeit ein Sprichwort aus ihrem reichen Erfahrungsschatz. «Ich bin der Silberstreif am Ehehorizont», brüstete sich die silberne Hochzeit. «Jedenfalls der Silberstreif aller, die fünfundzwanzig Jahre lang eine Zweierbeziehung durchhalten.»

«In Ehen werden oft Perlen vor die Säue geworfen», klagte die Perlenhochzeit. «In den glücklichen Fällen reihen sich die gemeinsamen Jahre beider wie Perlen an einer Schnur. Nach dreissig Jahren verbinden sie sich schliesslich zu einem wahren Schmuckstück.» Die spät kommende, altersweise, goldene Hochzeit betonte: «Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Manch ‹goldener› Ehering ist bestenfalls vergoldet, wenn er nicht sogar nur ein billiges Imitat ist.» Nachdenklich ihr greises Haupt wiegend, philosophierte sie leise: «Goldene Eheringe können auch starke Fesseln sein.»

«Im Gegensatz zu Eisen rostet zum Glück alte Liebe nicht», bekräftigte die zuletzt eintreffende hochbetagte eiserne Hochzeit und trug damit wesentlich zum versöhnlichen, optimistisch stimmenden Abschluss des Treffens der Hochzeiten bei.

Artikel erschienen in der Ausgabe

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