Der letzte Witz

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 03.07.2020

Der letzte Witz
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Wer das Internet-Orakel nach dem ältesten Witz der Welt befragt, wird rasch bei den Sumerern fündig, die vor über 3600 Jahren folgenden Brüller in Keilschrift auf eine altbabylonischen Spruch­tafel gemeisselt haben: «Was seit undenkbaren Zeiten nicht vorgekommen ist:  Eine junge Frau, die auf dem Schoss ihres Ehemannes nicht furzt.»

Erstaunt es jemanden? Die Gattung Witz betritt die Bühne der Weltgeschichte mit einem Stück derbem Sexismus. Ohne kritische Einordnung im historischen Kontext wäre der Abdruck dieses One-Liners im Jahr 2020 natürlich ein absolutes No-Go, selbst für ein Satiremagazin wie dieses. Eher würde unser Verlag die gesamte Auflage einstampfen lassen, als das Risiko eines viralen Shitstorms wegen frauenfeindlicher Inhalte in Kauf zu nehmen. Das Schweizerische Nationalmuseum zeigt aktuell in Schwyz die Ausstellung «Made in Witzerland» über den Schweizer Humor. Das sagt mehr über unsere Zeit aus, als es auf den ersten Blick scheint: Der Witz ist im Museum angekommen. Also an jenem Ort, wo Zeugnisse der Menschheit bewahrt, erforscht und ausgestellt werden.

Und das ist gut so. Es ist höchste Zeit, dass er in die Vitrine kommt, der Humor. Viel zu lange hat man ihn sich schöngeredet. Viel zu oft hat man uns mit Kalenderweisheiten wie «Lachen ist gesund» eingelullt. Dabei weiss man spätestens seit Sigmund Freud, wie viel Humor mit Lust, Trieb und Aggression zu tun hat. Allesamt Kategorien, die völlig aus der Zeit gefallen sind. Denn Witze, Karikaturen, ja Satire überhaupt – das ist immer eine perfide Kosten-Nutzen-Angelegenheit. Der Mensch lacht immer zusammen mit jemandem über jemanden anderes. Mit Bierkumpeln über Blondinen. Mit Heteros über Homos. Mit hell über dunkel. Mit Eidgenossen über Ausländer. Mit Gleichgesinnten über Andersdenkende. Doch es gibt Hoffnung, dass die Menschen dieses archaische Verhaltensmuster allmählich überwinden. Mehr und mehr zeigt sich, dass es einen anderen Weg gibt, sich überlegen zu fühlen, ohne das Risiko, andere mit Pointen zu kränken und dis­kriminieren. Der Weg der Empörung. Da steckt nicht zufällig «empor» drin. Gemeinsame Empörung über Dritte schafft genauso viel Wirgefühl wie Gelächter, ist aber politisch korrekt und vermeidet zudem die Virenlast unkontrollierter Lachsalven.

Viele von uns sind schon zu richtig guten Dauerempörten geworden. Dies nährt die Zuversicht, dass der Tag, an dem der letzte Witz der Welt ins Museum kommt, nicht mehr weit ist. Zusammen mit einer Hör­station, die der Nachwelt Beispiele vom Klang lachender Menschen bereithält. Dabei wird, um jede Empörung zu vermeiden, die ethnische, gender- und altersgerechte Auswahl der Stimmen höchst diffizil sein.

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