Geisterspiel

Ralph Weibel | veröffentlicht am 24.06.2020

Dank dem Beispiel der deutschen Bundesliga traf es mich als Berichterstatter mit dem Privileg, die erste Geisterspielrunde im Schweizer Fussball live miterleben zu dürfen, nicht ganz unvorbereitet.

Geisterspiel
Nebelspalter | (Nebelspalter)

Es war absehbar, dass die Stimmung nicht «olé, olé» sein würde, sondern «oje, oje». Den weitestmöglichen Weg aus der Ostschweiz nach Sion nahm man in Kauf, lockte doch die Aussicht auf ein echtes Walliser Raclette. Als Vorspeise sollte es, laut Mitfahrenden, die besten Meringues in der Raststätte La Gruyère geben. Allerdings liess sich die lukullische Lust dort nicht stillen. Sperrstunde 18 Uhr, knapp zu spät gekommen.

Dann folgte die wahre Tragödie. In Erwartung des gewohnten Raclettes lief mir schon das Wasser im Munde zusammen, bis die Spucke endgültig wegblieb. Rollladen unten, alles dicht, null Verpflegung in und ums Stadion – Corona-Richtlinie. Und dafür hatte ich auf das Mittagessen verzichtet. Im Stadion hallte das Knurren meines Magens von den leeren Tribünen zurück und schuf eine gespenstische Stimmung. So schlimm hatte ich mir ein Geisterspiel nicht vorgestellt. Auf der Heimreise, spät in der Nacht, tröstete ich mich mit dem Gedanken, mit meinem Verzicht wenigstens etwas zur Rettung der Menschheit beigetragen zu haben.

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