Urs Schaeppi

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 05.06.2020

Bereits zum vierten Mal innerhalb von fünf Monaten hat die Swisscom eine Riesenpanne hingelegt. Besonders perfid: Millionen Einwohnerinnen und Einwohner haben vom jüngsten Netzausfall erst Stunden später erfahren, weil die entsprechenden Pushnachrichten nicht ausgeliefert werden konnten. Erneut waren auch Notrufnummern von der Störung betroffen. Nicht beeinträchtigt war hingegen die Corona- Faxnummer des BAG. Dort denkt man aufgrund der aktuell tiefen Fallzahlen ohnehin darüber nach, das Meldesystem auf berittene Sendboten herunterzufahren.

Urs Schaeppi
Michael Streun | (Nebelspalter)

Zurück zur Swisscom: In den Medien kursieren ja bereits Rücktrittsforderungen – eine Gangart, an die Swisscom-CEO Urs Schaeppi jedoch nicht denken mag. Recht hat er. Wenn ein Kahn auf Grund läuft, ändert sich daran rein gar nichts, wenn man den Kapitän über Bord wirft. Schaeppi spricht von einer «Verkettung unglücklicher Umstände». Weshalb sich gerade unglück­liche Umstände so häufig verketten, während glückliche Umstände selten kumuliert beobachtet werden, harrt übrigens noch immer einer wissenschaftlichen Erklärung.

Klar ist hingegen, warum so ein landesweiter Netzausfall alles andere ist als eine Lappalie. Weil Fernunterhaltung inzwischen viel mehr ist als eine nette Dienstleistung. Telekommunikation ist zum integralen Bestandteil menschlicher Interaktion mit der Aus­senwelt geworden. Wir empfinden unsere Mobilfunkempfänger inzwischen als ei­genen, zusätzlichen Körperteil. Inklusive Phantomschmerzen bei Verlust. Nehmen Sie mal einem Teenager oder US-Präsidenten für ein paar Stunden sein Handy weg. Eine Swisscom-Netzstörung wird rasch zum Gerinnsel im kollektiven Blutkreislauf. Tausende von funktoten Touchscreens kommen einem gesellschaftlichen Multiorganversagen gleich.

Gerade in den kommenden Monaten im Zeichen der neuen Halbnormalität darf sich eine ähnliche Panne nicht noch einmal ereignen. Folgendes Szenario: Fussball-Cupfinal, Penaltyschiessen in der Verlängerung, Spannung pur, natürlich als Geisterspiel, wobei die TV-Zuschauer zu Hause über die neue App «Remote Cheerer» Fangesänge, Torjubel und Buhrufe ins Stadion übertragen können. Und genau dann brutzelt der Funk-PTT wieder einmal ein Stück Lötzinn aus einer 5G-Platine. Der über das Land hereinbrechende Tumult würde sicher die fast schon vergessenen Szenen vor den leergekauften Klopapierregalen in den Schatten stellen.

Oder: Nicht auszudenken, wenn wir alle – wie ursprünglich geplant – schon seit dem 11. Mai mit einer smarten Tracking-App herumlaufen würden. Die Geheimdiktatur der Virologen hätte bei stundenlang ausbleibenden Positionsdaten verständlicherweise von einem gezielten Gegenkomplott ausgehen müssen und womöglich überhastet die Errichtung der neuen Weltordnung ins Hier und Jetzt vorverschoben. Die Frage ist da schon berechtigt: Ist sich Urs Schaeppi der Verantwortung, die auf seinem Unternehmen lastet, wirklich hinreichend bewusst?

Die Swisscom ist mit ihrem Grundversorgungsauftrag derart systemrelevant, dass die Forderung, sie nach einer weiteren Panne besser zu verstaatlichen, nur deshalb noch nicht zu hören ist, weil der Bund sie ja bereits zu 51 Prozent besitzt. Anders bei der ebenfalls systemrelevanten «Swiss» ohne «com». Diese wird zwar auch nicht verstaatlicht, dafür im Zuge des gegenwärtigen Zustellbooms grosszügig mit Rettungspaketen beliefert.

Letzten Endes tragen wir alle Mitschuld an der Pannenserie der Swisscom. Es ist unser Hunger nach immer noch mehr Geschwindigkeit und Datendurchsatz, der die Telekomanbieter dazu zwingt, im laufenden System ständig Kapazitäten zu erhöhen und Updates aufzuspielen. Hätte der Laden nicht ständig seine Infrastruktur modernisiert, würden heute geschätzte 4,8 Milliarden Telefonistinnen an ihren Schaltpulten rumstöpseln, um jedes beziehungsfundamentale «Schatz, bin gleich da! :-)» von Schatz zu Schatz zu übermitteln. Telefonoperateure waren übrigens fast ausschliesslich weiblich.

Wenn Urs Schaeppi also bei der letzten Panne nicht selbst mit dem Lötzinn gepatzt hat, gibt es für die Politik keinen Grund, seinen Kopf zu fordern. Das wäre in Zeiten, in denen Politiker für all den Schaden, den sie höchstpersönlich anrichten, nichts zu fürchten haben, so anachronistisch wie ein Schaltpult für 4,8 Milliarden Telefonistinnen.

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