Nomadentum: Vom Leben im Zelt

Michael Hug | veröffentlicht am 05.06.2020

Das Campieren unter freiem Himmel ist keine Erfindung unserer Spassgesellschaft. Es ist vielmehr ein Hohn gegenüber Nomaden und Flüchtlingen. Dennoch macht jeder die Erfahrung des Schlafens unter einer Plane. Und übrigens heisst es zelten und nicht campieren.

Nomadentum: Vom Leben im Zelt
Carlo Schneider | (Nebelspalter)

Nach der Lockerung des Lockdowns lässt der Bundesrat jetzt nicht locker und besteht darauf, dass wir alle in der Schweiz Ferien machen. Wenn er das durchzieht, werden wir uns in diesem Sommer in den Schweizer Hotels auf den Füssen herumstehen. Wer aber zu spät kommt beim Buchen, den bestraft das Leben mit einem Campingplatz. Wenn der Bundesrat es gelegentlich schafft, diese wieder zu öffnen, womit er sich mehr als schwertut.

Als sich unser Vater noch stundenlang damit abmühte, das Sechser­familienzelt gemäss Bedienungsanleitung oder Gedächtnisprotokoll aufzustellen, hiess das noch «zelten». Das Zelten war die günstigste Art, Ferien ausser Haus zu verbringen, und unser Vater war Zeit seines Lebens bemüht, alles und jedes auf die günstigste Art zu verbringen. Ferien im Hotel kamen nicht infrage, da blieb man vorher zu Hause. Das Zelten änderte in unserem Tagesablauf nicht viel, ausser dass unsere Mutter noch mehr zu tun hatte als sonst.

Probelauf

Wildes Zelten ist in der Schweiz zwar nicht explizit verboten, aber es ist zu kalt. Deshalb ist es nichts für Familien, die nicht Fahrende sind. Wildes Zelten ist ohnehin nicht mehr angesagt. Das war etwas für damals Junge, heutige Junge gehen ins Alles-Saufen-inklusive-Hotel Urlaub machen oder nach Ischgl, wenn nicht gerade Corona ist. Als ich noch jung war, war Zelten das Grösste. Ich erinnere mich an mein erstes Zelt, das ich zusammen mit meinem Bruder im Jelmoli gekauft habe, als es den noch gab in St.Gallen. Ich war 14, wir stellten dieses wunderschöne blaue 2er-Zelt probehalber für eine Nacht auf die Wiese unseres Nachbarn, weil unsere voller Gartenzwerge war.

Nach dem Probelauf fuhren wir im Juli mit unseren Mofas, damals «Schnäpper» genannt, Zelt quer auf dem Gepäckträger, drei Dörfer weiter, wo es einen Zeltplatz gab. Wir füllten unsere Taschen mit Konservendosen und Coca-Cola-Pulver aus dem Kolonialwarenladen unserer Mutter. Vier Paar Landjäger nahmen wir auch noch mit, aber kein Bier. Ein, zwei Jahre später, als das Zelt wieder zum Einsatz kam, war Bier der Hauptinhalt der Tasche, bzw. es waren überhaupt keine anderen Lebensmittel darin, als wir dieses wunderschöne, aber etwas schwere, weil aus Baumwolle, Zelt dieses verdammt steile Waldbord hochschleppten, um schwarz aufs Gelände des Open Airs in Abtwil zu kommen.

Zeugung im Zelt

Jenes Zelt hat im Laufe der Jahre einiges erlebt, evtl. auch die Zeugung eines meiner Kinder. Es war mit mir auf einer Visionssuche im Schwarzwald, es hat die Rolling Stones in Frauenfeld gesehen und tags darauf Deep Purple. In jenen verrockten Nächten hat es allmählich sein Leben ausgehaucht, bzw. ich war es einfach leid, ständig Schnüre neu anzunähen und die Kotzete Dritter rauszuwaschen. Aber: Mein Zelt hat sein Leben nicht in Frauenfeld oder im Sittertobel gelassen. Sein Zelt einfach liegenzulassen, das gab es damals nicht. Ein Zelt war noch richtig wertig, es kostete selbst für zwei Personen über 100 Franken, sowas lässt man nicht einfach liegen. Dieses Zelt, mein erstes, einziges und letztes, hat sein Leben auf dem Estrich ausgehaucht, erst mal, dann im Brockenhaus, dann vermutlich endgültig in einer Kehrichtverbrennungsanlage.

Ich bin eigentlich kein Zelt-Typ. In der Jugend war es manchmal nicht zu umgehen, im Zelt zu hausen, aber wirklich geil war das nur mit Bier und/oder Mädchen. Ich schlief immer schlecht, weil hart, das ganze Lebensmittelzeugs verteilte sich auf, unter und in den Schlaf­säcken, und ausserdem diese Ameisen! Wenn man mit einem Mädchen zugange war, musste man vom Knutschen ablassen, um den Reisverschluss beim Eingang zu- und den an der Hose aufzuziehen, damit man von Blicken ungestört weitermachen konnte.

Vergnügliches Leben

Eigentlich ist unser bürgerliches Freizeitzelten ein Hohn gegenüber allen Nomaden und Flüchtlingen. Was wir als Freizeitvergnügen, als Flucht aus dem Hamsterrad, als «Runterfahren» loben, ist für Fahrende, Sahara- und Gobi-Nomaden oder Bürgerkriegsflüchtlinge purer, harter und entbehrungsreicher Alltag. Es ist ziemlich zynisch, sich ein Zelt zu kaufen, um sich darin ein vergnügliches Leben einzurichten, wenn Hundertausende der Not gehorchend ganze Leben in Zelten verbringen müssen. Nicht zu sechst in einem Sechserzelt, sondern zu zwölft.

Wir SchweizerInnen fahren diesen Sommer nach Tenero, oder an den Bielersee, und stellen nach dem Ankunftsprosecco gut gelaunt unser Zelt auf die uns zugeteilte Parzelle, fahren runter und hoffen auf einen schönen Sommer ohne Regen. Derweil wartet im Schatten eines UNHCR-Zelts im Flüchtlingslager Tindouf in der al­gerischen Sahara ein halbe Million heimatlose Westsaharaouis auf ihre tägliche Wasserration.

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader