Und wir hielten uns einmal für unverwundbar

Jan Peters | veröffentlicht am 01.05.2020

Eine Meldung, die kürzlich in unserem Newsroom eintraf, liess aufhorchen: «Im Rahmen des COVID-19 Social Mo­nitors, einer bei 2000 Personen durchgeführten Befragung, gaben 35% der Befragten an, dass sich ihre allgemeine Lebensqualität im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Krise verschlechtert, 9% sagten, dass sich ihre Lebensqualität verbessert habe.»

Und wir hielten uns einmal für unverwundbar
Marina Lutz | (Nebelspalter)

Der COVID-19 Social Monitor wird vom Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW und vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich durchgeführt. Dies zum Background der Untersuchung. Wenn Sie sich jetzt fragen: «Wer zum Henker sind diese 9%? Und was ist das ZHAW?» – genau das ist auch uns schleierhaft. Die Universität Zürich dagegen ist uns bekannt; allerdings negativ: Vor Jahr und Tag hielt man es dort für angezeigt, eine von uns eingereichte Dissertation «Die allgemeine Relativitätstheorie – E = mc2» wegen Diebstahls geistigen Eigentums abzulehnen; eine fadenscheinige Schutzbehauptung dafür, dass man einfach nicht in der Lage war, dem Autor in intellektuelle Höhenbereiche zu folgen. So viel zu den Sitten, die an der Limmat herrschen.

Alles hat ein Ende …
Es wäre uns jetzt ein Leichtes, in den Chor derer einzustimmen, die sich darin überbieten, ein vireninduziertes endloses Elend der Menschheit an die Wand zu malen. Beispiel ge­fällig? – «‹Ein Ende der Pandemie ist nicht vor dem 30. Februar 2065, 10:27 Uhr MEZ, zu erwarten›, erklärte Dr. Mabuse, Facility-Manager beim Institut für epidemiologische Endzeitstudien in Castrop-Rauxel, auf mehrfache Nachfrage der BILD-Zeitung.» Solche Art von Berichterstattung überlassen wir gern den Revolverblättern vom Boulevard. WIR fühlen uns der Scientific Community verpflichtet. Und möchten auch nicht dazu beitragen, dass im Rahmen der allgemeinen Miesmacherei kein gutes Haar an nichts gelassen wird.

… nur die Wurst hat zwei
Können Sie sich noch daran erinnern, dass wir mal ein Parlament hatten, das regelmässig in Bern tagte, bis es sich im Frühjahr 2020 selbst aus dem Spiel nahm? Wegen der Viruspanik ging dort vor Kurzem der denk­würdige Auftritt einer Nachwuchs­dar­stellerin aus der Schweizer Commedia-dell’arte-Szene nahezu unter. Nicht Hazel Brugger, sondern eine alberne Schiessbudenfigur mit dem Künstlernamen Maddalena Mortadella-Pocher aus Graubünden war es, die uns herzhaft zum Lachen brachte – Virus hin oder her. Damit sie bei ihrem Slapstick-Auftritt nicht gleich erkannt und aus dem Saal gewiesen werden konnte, hatte sie sich mit einer Gesichtsmaske fast unkenntlich gemacht. Mit Donnergetöse trampelte diese Mortadella, CH-Version der österreichischen Conchita-Wurst, durch den Saal, bis sie von Isabelle Moret, Madame la Présidente, zitiert und in den Senkel gestellt wurde.

Tierisches im Parlament
Wir trafen Frau Mortadella danach in der Wandelhalle des Bundeshauses und fragten sie, ob sie von der Stiftung Theodora engagiert worden sei, um etwas Fröhlichkeit in die Volksvertreterversammlung zu bringen. Oder ob sie Lobbyistin eines chinesischen Gesichtsmaskenherstellers sei. «Nichts von alledem», erklärte sie uns; sie habe an diesem Morgen an einem Casting für eine Neuverfilmung des Edgar-Wallace-Gruselkrimis «Der Frosch mit der Maske» teilnehmen wollen. Daher ihre gelungene Ver­kleidung. Die Moret, diese welsche Schnepfe, habe ihr aber die Stimmung dermassen versaut, dass sie jetzt nach Hause gehen werde. Sie stampfte mit dem Fuss auf und verschwand. Während Frau Präsidentin im Saal dachte: «Schwing die Hufe, Alte!», und mit ihrem Glöckchen läutete.

Solidarität im Stresstest
Mit zurück­gehenden Infektionsraten hat sich die Diskussion sukzessive zur Frage verlagert, wie schnell und in welchem Umfang der Rückzug aus dem Lockdown erfolgen solle. Auf den kritischen Punkt gebracht: «Wie viel darf ein Menschenleben kosten?» Soll die Wirtschaft auch um den Preis geöffnet werden, dass die Zahl der Toten wieder ansteigt? Wer definiert eigentlich, was eine Corona-«Risikogruppe» ist? Machen die Jungen unverdrossen Corona-Partys, während den Alten die Beatmung verweigert wird? Dies wäre ein effizientes Verfahren, die AHV aus ihrer Schräglage zu befreien.

Highway to hell
Artikel 82 der Bundesverfassung lautet: «Niemand darf diskriminiert werden.» Unter Notrecht wurde den Risiko­gruppen dringend davon abgeraten, das Haus zu verlassen. Bei uns darf niemand diskriminiert werden. Nach Wiedereröffnung der Coiffeursalons am 27. April wurde den Risikogruppen dringend davon abgeraten, solche Etablissements aufzusuchen. Bei uns darf niemand diskriminiert werden. Im März 1933 verabschiedete der deutsche Reichstag das «Gesetz zur Be­hebung der Not von Volk und Reich», das u. a. die Bevölkerung in Gruppen mit unterschiedlichen Daseinsberech­tigungen aufteilte. Und die neuen Machthaber fanden schnell ein solches Gefallen an dieser effizienten Art von «direkter Demokratie», dass sie das nutzlos gewordene Parlament unverzüglich in Dauerurlaub schickten.

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