Die Rocky-Horror-Coronavirus-Show

Jan Peters | veröffentlicht am 03.04.2020

Da der ‹Nebelspalter› kein den Zwängen der Tagesaktualität unter­worfenes Magazin ist und sich deshalb in erster Linie seriösen Existenzfragen widmen kann, wollen wir die Debatte um Covid-19 von einer höheren Warte aus führen. Auf ‹Spiegel online› war unlängst zu lesen: «Wenn all das durch ist, wird man Europa neu denken müssen.» Wir SchweizerInnen finden das auch und sind dem Hamburger Intelligenzblatt gern beim Nachdenken behilflich.

Die Rocky-Horror-Coronavirus-Show
Marina Lutz | (Nebelspalter)

Wir werden uns damit anfreunden müssen, dass NACH Corona politisch, wirtschaftlich, sozial, touristisch vieles anders werden muss. EINE Möglichkeit wäre, jetzt einige hochintelligente Vorschläge zu machen, wie wir unser bisheriges Leben auf Vordermann bringen könnten, um es post-virustauglich zu machen. Da dies aber eindeutig in den Bereich der Kaffeesatzleserei ginge, überlassen wir das gern der Regenbogenpresse – oder dem ‹SPIEGEL›, der mit seinem famosen Herrn Claas Relotius einschlägige Erfahrungen im «Kreativ»-Schreiben sammeln durfte. Fangen wir also, wie gesagt, NICHT damit an, was wir zukünftig tun, sondern vielmehr, was wir NICHT tun sollten: «Corona wurde von achtarmigen Zwischenwesen in ausserirdischen Giftlaboren hinter der Venus herangezüchtet, um die menschliche Spezies erst zu verwirren, dann die Schwächeren auszusortieren und den gesunden Rest per Hypnose zu willenlosen, intergalaktischen Arbeitssklaven umzuprogrammieren», teilte die ‹Frankfurter Rundschau› am 18. März ihrer ohnehin schon stark demoralisierten Leserschaft mit, die ob dieser Hieronymus-Bosch-Fantasien in irreversible Schnappatmung verfiel.

  • Zwischenzusammenfassung: Wir müssen ein für alle Mal lernen, mit diesen dämlichen Verschwörungstheorien Schluss zu machen – ob uns dies nun gefällt oder nicht, der Führer ist NICHT als Kriegsheld im Kampf gegen die Rote Armee in der Schlacht um Stalingrad gefallen, und NICHT Elvis Presley, sondern Jesus Christus war Gottes Sohn. Punktum!

Im Zuge der Krankheitsausbreitung wurden ständige Forderungen nach Verschärfung der Sozialrestriktionen laut, wobei man den Eindruck gewinnen konnte, dass dröge Moralapostel die Gunst der Stunde nutzten, um der Spassgesellschaft ihre Sittenlosigkeit um die Ohren zu schlagen. Grosser Beliebtheit erfreuten sich auch durchgehend Abmoderationen im TV, die in so schönen Sätzen wie «Und das war erst der Anfang», «Und es kommt noch schlimmer» kulminierten.


Das Lied vom Tod

Daniel Koch, Leiter «Übertragbare Krankheiten» beim Bundesamt für Gesundheit, verströmte regelmässig die ansteckende Fröhlichkeit eines ex­humierten Zombies, wenn er die Bevölkerung mit Grabesstimme darauf hinwies, dass früher oder später alle von uns den Löffel werden abgeben müssen: «Nichts anderes als der Tod erwartet uns, meine Damen und Herren – uns alle!» Die ihm lauschende Journaille flüchtete daraufhin angstkreischend unter die Tische. Dem Verfasser dieser Zeilen,der vor Jahr und Tag die Ehre hatte, 15 Monate lang in einer NATO-Kampfeinheit zu dienen, fiel bei solchen Darbietungen spontan ein Soldatenlied ein, das die kaiserliche deutsche Infanterie im 1. Weltkrieg frohen Mutes zu intonieren pflegte, während sie im Gleichschritt in Richtung Marne und Somme marschierte: «Im fernen Flandernlande, da mäht der Schnitter Tod. Es steht am Wegesrande manch Kreuz im Abendrot.» – Homo erectus auf dem Weg in sein Verderben.


Eine Frage der Einstellung

Kennen Sie die Geschichte von den zwei Fröschen, die in einen Topf mit Rahm plumpsten? Der eine war ein Optimist, der andere ein Pessimist. Der Pessimist gab jegliche Hoffnung auf, röchelte «Machts gut!» und versank in den weissen Fluten. Der Optimist dagegen begann um sein Leben zu strampeln. Der Rahm wurde nach und nach fest, der Frosch sass grinsend auf dem Schlagrahm. Diese Frohnatur kann uns lehren, dass wir aufhören müssen, den Untergang des Abendlands an die Wand zu malen: Mit Verzagtheit löst man keine Krisen! Verschwörungstheorien zum Letzten – ob das Virus die Rache der Schöpfung für den Grössenwahn und den Hochmut des Menschen ist und ob unser Planet sich gerade vom Homo sapiens befreit und damit die Klimakrise auf seine Weise löst, besprechen wir, wenn wir das Virus besiegt haben, okay? Ausserdem sind wir intelligente Menschen und glauben nicht an Extraterrestrische – es sei denn, sie heissen E.T.


Wettkampf der Systeme

China, das Land, in dem die Epidemie ausbrach, gilt nicht gerade als ein Muster­beispiel für Demokratie. Sondern eher als eine eigentümliche Mischung aus «Rest»-Kommunismus und entfesseltem Kapitalismus. Nachdem man zunächst versucht hatte, das Auftreten der Infektion unter der Decke zu halten, ergriff der Staat drakonische Massnahmen zwecks Isolierung der Menschen, die bis hin zur kompletten Abriegelung ganzer Regionen führten. Als COVID-19 in Europa sukzessive um sich zu greifen begann, zö­gerten die betroffenen Demokratien zunächst, erstens das Gravierende der Situa­tion an­zuerkennen. Und zweitens, die heiligen Rechte des Individuums mit dem Ziel des Überlebens der Gesamtgemeinschaft zu beschneiden: Man appellierte an die Einsichtsfähigkeit des Einzelnen im Sinne der Aufklärung und hoffte, Vernunft und Solidarität würden zu der Erkenntnis führen, dass nur ein zeitlich limitiertes Eingrenzen des Individuums und dessen unendlich geliebter Freiheiten zum Sieg über das verfluchte Virus führen würde. Wenn man dann aber sah, wie auf Partymeilen Corona-Feten abgezogen wurden und der Homo neander­thalensis wegen zwei Rollen WC-Papier seinem Nächsten im Supermarkt an die Gurgel ging, dann … Nehmen Sie gefälligst Ihren Arm von meiner Schulter! Noch nie was von «social distancing» gehört?

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader