Problemzone Stammtisch: Hampi kommt nicht mehr

Diego Häberli | veröffentlicht am 31.01.2020

Es ist ruhig heute. Es ist ungewohnt ruhig heute. Es ist fast unangenehm ruhig heute am Stammtisch im Löwen. Kein Gelaber. Kein Proleten. Kein «Das hätte man früher schon müssen». Kein «Müsste man eben schon mal machen». Kein «Das wird man doch wohl noch sagen dürfen».

Problemzone Stammtisch: Hampi kommt nicht mehr
Nebelspalter | (Nebelspalter)

Auf dem runden Tisch in der Mitte steht, angestarrt von drei Augenpaaren, ein Körbchen mit Buttergipfeln und Laugengebäck. In der Menage trocknet das Maggi vor sich hin und das Fett in der Luft krümmt die Zahnstocher daneben zu hölzernen Bananen. Von der Decke im Stübchen hängen gelbe Schlangen aus Klebstoff mit Gift gegen die Fliegen. Hinter der Bar scheitert der Kellner kläglich daran, die Biberliverpackung leise zu öffnen. Es rollen Augen. In der Küche rüstet jemand Zwiebeln und schwitzt. Die Geranien auf den Tischen sind falsch und die Verzweiflung, die ist echt.

Waren es doch sie, die Hampi eine Woche Ferien aufgeschwatzt hatten. Nach dem ganzen Malochen für Firma und Familie solle er sich etwas Zeit nehmen. Und weil Hampi nicht wollte, hatten sie keine Ruhe gegeben und ihn zu einem «Ja, mal schauen» weichgekocht. Zur Pensionierung gabs dann, von der ganzen Truppe gesponsert, einen Gutschein, um sich auf diesem Internet etwas zu buchen. Bei der ganzen Vorgeschichte hätten die drei Freunde dies kommen sehen müssen; vor lauter Pop-ups und neuen Tabs hat sich Hampi schnell verklickt. Seine Ferien hat er schon gebucht – statt in Antalya in Aleppo. Es ist ruhig heute. Es ist ungewohnt ruhig heute. Das passiere halt, wenn man sich auf diesem Internet irgendwelche Sachen bestellt, denkt sich Ruedi und schält sich verlegen den Dreck unter den Fingernägeln hervor. Wenn man die Rechten gewählt hätte, dann wäre das Parkplatzproblem in der Innenstadt schon lange gelöst und Thomas Cook wäre nicht pleitegegangen, weil die Leute alle in den Laden gelaufen wären und dort Reisen geplant hätten. Dann hätte man auch richtig gebucht oder Hampi zumindest auf die Verwechslung hingewiesen. So wurden aus Strandferien dann Grenzerfahrungen mit Bombenhagel und der Hampi kommt darum nicht mehr.

Es ist ruhig heute. Es ist ungewohnt ruhig heute. Nur gegenüber von Ruedi zappelt Willi ungewohnt unruhig vor sich hin. Er hat die Schuldigen schon lange gefunden. Die Bengel, die «markenbewindjackt» den Klosterplatz versperrten. Wer Zeit habe zu demonstrieren, habe zu wenig zu tun, schnäuzt er in sein Tempo. Die heutige Lehrerschaft sei ja auch nicht mehr dasselbe. Ein Sonderkommando aus Weichspülern. Sie hätten früher nach der Mathe dem Lehrer noch die Winterpneus montiert. Lernen fürs Leben hatte es geheissen. Heute würden nach dem Seifenblasenworkshop die Frösche gefüttert statt seziert, und dann der Thunberg Zucker in den Arsch geblasen. Willi zieht sich die Socken hoch und nickt sich dann noch ein Bier an den Tisch. Doch Ablenkung bleibt Ablenkung und der Hampi kommt darum trotzdem nicht mehr. Der am Fenster sitzende Erich atmet schwer. Mit glasigen Augen starrt er in die Seitengasse. Die Schuld trifft keinen von ihnen, das weiss er. Ginge es nicht um Hampi, dann wäre ihm das da unten alles egal.

Wobei die andern doch Hampi so gedrängt hatten. Das Reisen könne man doch im Flieger viel mehr geniessen, hatten sie gemeint. Doch er, der Erich, meint immer noch, der Hampi wäre besser mit dem Camper runtergefahren. Zu weit in die Wüste da runter wäre er dann sicher auch nicht gefahren. Wer würde das schon freiwillig, grummelt er dem Vorhang zu. Da unten gibts nichts als Ärger. Nach Bibione hört für ihn die Zivilisation auf. Wobei, er war auch mal auf Sardinien oder Mallorca. Wo weiss er nicht mehr so genau – Hauptsache Italien. Aber weiter auf keinen Fall. Er will ja keinen Ärger. Und mit dem Camper noch weiter zu fahren, wäre ja dann so, als würde man Kokain an den Flughafen mitnehmen, nur um die Hunde streicheln zu können. «Jetzt mal ehrlich», meint Erich. Es sei doch nun ihre Pflicht, das Andenken von Hampi in Ehren zu halten und endlich den Hintern hochzukriegen.

Ruedi bejaht mit einem scharfen, auf der ersten Silbe betonten «Jawoll» und schnappt sich den letzten Buttergipfel. Wenn man so was anpacken will, braucht man erst eine solide Basis. Er habe schon vorgesorgt und werde darum noch heute damit beginnen, den Holzzaun in seinem Garten abzubrechen und eine Backsteinmauer hochzuziehen. Er helfe den anderen auch gerne. «Zu Hause ist da, wo die eigenen Mauern selber gemacht sind!», meint er stolz. Willi hat eine Idee: «Man könnte doch die Kosten dafür querfinanzieren.

Die übermotivierte Jugend könnte sich nützlich machen und in ihren Ferien die ganzen mit Plastik-Schwimmwesten verdreckten Strände aufräumen. Aus den Resten könnte man zum Beispiel Portemonnaies nähen. Das wäre dann nachhaltiges Engagement auf ganzer Linie.» Erich lächelt: «Und nächstes Jahr lade ich euch zwei auf den Camping in Kreuzlingen ein. Da ist es schön. Also auf dem Camping. Sonst haben die es eher schwer dort. Ich meine, wer in einer derart hässlichen Stadt lebt, kann jeden Rappen brauchen.»

Sie prosten sich bestärkend zu: «Auf Hampi!» Sie trinken in einem Schluck aus. Schreiben je drei Grosse an und gehen. Es ist wieder ruhig. Und unangenehm ist es auch.

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