Kleine Kulturgeschichte des Feuers

Jan Peters | veröffentlicht am 31.01.2020

«Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht; und was er bildet, was er schafft, das dankt er dieser Himmelskraft. Doch furchtbar wird die Himmelskraft, wenn sie der Fesseln sich entrafft, einher tritt auf der eig’nen Spur: die freie Tochter der Natur. Wehe, wenn sie losgelassen?...»

Kleine Kulturgeschichte des Feuers
Lubomir Kotrha | (Nebelspalter)

Schillers feurige Verse stehen in der Dichtkunst wie die Eigernordwand im Berner Oberland. Lange vor Schiller war es Prometheus – bei Zeus in Ungnade gefallener Titan –, der mit dem Feuer spielte, indem er die himmlische Flamme seinen Freunden, den Menschen, brachte. Woraufhin er vom Göttervater hart bestraft wurde.

Könnte es sein, dass Zeus Prome­theus nicht nur wegen dessen Ungehorsams an den Kaukasus schmiedete, sondern auch, weil er als Herrscher des Olymps tiefen Einblick in das Wesen der Menschen hatte und den Weg vom ersten Feuer des Neandertalers bis zum Höllenfeuer von Hiroshima durch die Unvernunft des Homo «sapiens» vorgezeichnet sah? Heute wollen wir uns ansehen, wie unterschiedlich entwickelte menschliche Gemeinschaften mit dem Feuer umgehen und ob dabei eine Korrelation zwischen Pyrotechnik und erreichten Zivilisationsniveaus erkennbar ist. Dazu umrunden wir die Erde und checken zunächst, was down under los ist.

Burn, Aussie, burn!
Die Leute in Australien gelten als unkomplizierte Macher, die in der eher hemdsärmeligen Art des Crocodile Dundee alles unter Kontrolle bekommen – don’t panic, folks! Darum hielt es der australische Premierminister Scott John Morrison, von seinen Leuten meist ScoMo genannt, auch für völlig übertrieben, seinen Jahresurlaub auf Hawaii zu verschieben, bloss weil sich die Aborigines anheimelnde Feuerchen gemacht hatten, die dann geringfügig ausser Kontrolle gerieten. Ursprünglich hatten die Ureinwohner vorgehabt, sich ein paar Dingos, die sie mittels gezielter Bumerangwürfe zur Strecke zu bringen versucht hatten, am Lagerfeuer zu braten. Früher funktionierte das immer problemlos. Heute allerdings sind die Eingeborenen wegen zunehmender Degenerationserscheinungen nicht mehr in der Lage, sich ihre traditionellen Jagdwaffen selbst zu schnitzen, sie sind auf den Import dieser Wurfgeschosse
angewiesen.

Made in China
Im Zuge des Ausbaus der Seidenstras­se ergriff der Chinese umgehend die sich bietende Gelegenheit und lieferte den australischen Buschmännern massenhaft Bumerangs, die sich vornehmlich durch niedrige Preise auszeichneten und im Internet bestellt werden konnten. Wodurch sie sich weniger auszeichneten, war das von den Aborigines als unverzichtbar angesehene Flugverhalten bei Fehlwürfen – return to sender. Man hatte völlig vergessen, den Chinesen diese Looping-Eigenschaft ins Pflichtenheft zu schreiben; dies wurde aber erst bemerkt, als die Frist für Mängelrügen längst abgelaufen war. Die Folge war eine Fehlkonstruktion, die Christian Morgenstern, Präsident des deutschen Fluglotsenverbands, folgendermassen umschrieb:

War einmal ein Bumerang;
 war ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
aber kam nicht mehr zurück.
Publikum noch stundenlang
wartete auf Bumerang.

Hätten die Aborigines Morgenstern gelesen, statt am Uluru ihre Vor­fahren zu beschwören, diese Ent­­täuschung wäre ihnen erspart ge­blieben. Die Eingeborenen machten sich auf die Suche nach ihren Bumerangs, der Wind fachte die Feuer an – und es brannte, bis der Kontinent in Flammen stand. Kängurus, Koalas und andere begriffsstutzige Tiere waren genetisch nicht auf diese Entwicklung vorbereitet; sie wurden immer weniger. Der Premierminister dagegen erkannte sofort, dass Risiken auch Chancen bieten: «Jetzt kann die Natur mal zeigen, was sie draufhat!» RTL nahm die Landschaftsveränderungen zum Anlass, seinen Dauerbrenner «Dschungelcamp» aufzupeppen: «Brandrodungslager – wir sind alle eine grosse Köhlerfamilie», wie die Serie neu heisst, findet ab sofort in vegetationsfreiem Gelände statt. Ohne störendes Blattwerk kann man jetzt viel besser erkennen, wer wem an die Wäsche geht.

Hätten Sie mal Feuer?
Wissen Sie noch, wie sehr sich Trump darüber ärgerte, dass der Iran die Bedingungen des Atomabkommens einhielt? Einem Befolgen internationaler Abmachungen werde man nicht tatenlos zusehen! Aber die Typen wollten nicht hören, woraufhin Ghassem Soleimani, General der Revolutionsgarde, von den Amis eine Droh­-
ne Marke «Sensenmann» in seinen Dienstwagen gesemmelt bekam. Daraufhin feuerten die Iraner einige Raketen in Richtung US-Militärbasen ab. Woraufhin Trump begeistert twitterte: «All is well!»

Das animierte die Iraner zu neuen Heldentaten, und sie holten die Boeing einer ukrainischen Fluggesellschaft vom Himmel – hätte ja auch ein «Tomahawk»-Marschflugkörper sein können. Daraufhin drohte Trump mit der Zerstörung persischer Kulturdenkmäler. Woraufhin die Iraner mit einem Jahrhundertschuss die Freiheitsstatue aus der New Yorker Skyline entfernten. Trump: «Hau weg den Scheiss!» Daraufhin Zeus zu Prometheus: «War eine Bombenidee von dir, in der Irrenanstalt Streichhölzer zu verteilen!»

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