Klaus Schwab

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 31.01.2020

Die Schweiz, es muss einfach wieder einmal festgehalten werden, wäre nicht, was sie ist, hätten nicht immer wieder Deutsche ihre Geschichte geprägt. Friedrich Schiller erdichtete uns den treffsichersten Nationalhelden der Welt, Henri Nestlé gründete das heute wertvollste Unternehmen Europas und Johann Georg Blocher pflanzte sich über vier Generationen zum schweizerischsten aller Schweizer fort.

Klaus Schwab
Michael Streun | (Nebelspalter)

Dann wäre da noch Klaus Schwab, den man in einem Atemzug nennen müsste, hätte uns nicht der Kerosingestank von 1500 zusätzlichen Privatjets im Schweizer Luftraum etwas kurzatmig gemacht. Schwab ist viel mehr als der leicht verstockte Wirtschaftswissenschaftler, der in Davos über 50 Jahre ein imposantes Witschaftssymposium hochgezogen hat. Das World Ecological Forum ist ein echter Glücksfall für die offizielle Schweiz. Es ist ein wenig so, als würde der Mietnachbar in deinem Wohnblock einmal im Jahr eine total angesagte Party mit lauter prominenten Gästen feiern, die du eigentlich nur aus Illustrierten und dem Fernsehen kennst – und aus reiner Höflichkeit bist du jeweils auch eingeladen und darfst dich dazusetzen.

Übrigens, Kompliment allen, die es bemerkt haben: Einige Zeilen weiter oben war «Ecological» anstatt «Economic» zu lesen. Auch in Davos war das schwierig auseinanderzuhalten in diesem Jahr. Die meisten tragen die «-nomie» weiterhin im Herzen, aber legen sich die «-logie» trendbewusst auf die Zunge. Hauptsache «Öko», nicht wahr?

Aber um beim Bild vom Mietblock zu bleiben: Klaus Schwabs jährliche Wohnungsparty ist ja nicht nur für die geladenen Gäste eine feine Sache. Die Fete ist im ganzen Quartier das Ereignis des Jahres. Gebannt drücken die Nachbarn jeweils ihre Nasen an den Fenstern platt, äugen durch Türspione und tauschen sich im Treppenhaus über alles aus, was sie beobachten konnten: «Hast du gesehen, an der Coop-Tankstelle?»

Man kann darüber diskutieren, ob das WEF in seinen 50 Jahren tatsächlich viele Brücken gebaut und Gräben überwunden hat. Klar ist jedoch: Klaus Schwab hat uns das Januarloch zugeschüttet. Ohne WEF könnten wir nicht über Wochen spekulieren, welche Staatsoberhäupter den Weg ins Landwassertal in Angriff nehmen werden. Ohne WEF würden wir keine Reportagen über unverschämte Hotelzimmerpreise und über umgebaute Dorfläden lesen. Ohne WEF könnten wir nicht zu Tausenden zum Flughafen Zürich pilgern, um einen Blick auf die fliegende Festung des grossen Dealmakers zu erhaschen. Ohne WEF würden wir uns nicht über die angekarrten Tonnen Kaviar, Rindsfilet und Champagner empören, weil man  den ganzen Luxus sonst einfach in Washington, Berlin oder Dubai konsumiert hätte. Wie an den restlichen 51 Wochen des Jahres.

Das Ereignis, das die Schweiz für einige Tage zum Nabel der Welt macht, legt gleichzeitig auch ihre schier unerträgliche Normalität offen. Es gibt tatsächlich Orte auf dieser Welt, an denen nicht einige Dutzend Journalisten in Pistennähe ausharren, um über Push-Nachrichten und Newsticker die Landung der Regierungsjets und den Zustand der präsidialen Frisur zu vermelden. Dank Schwabs Weltwirtschaftsforum pflegt die Schweiz das, womit sie seit Generationen leidenschaftlich ringt: den eigenen Sonderfall. Da ist ein Staatsgebilde mit einer Gesamteinwohnerzahl, die tiefer liegt als die von asiatischen Provinzstädten, von denen wir noch nie gehört haben. Mit einer Regierung, deren Mitglieder man ohne Blaulicht und Bodyguards im Zug antreffen kann. Mit einer Volksseele, die ihre Freiheitsliebe und edle Schlichtheit betont – es aber dennoch als selbstverständlich und naturgegeben annimmt, wenn zahllose internationale Organisationen hier ihren Hauptsitz haben, wenn man als Welthandels-Drehscheibe in diversen Sektoren fungiert oder wenn man das Ranking der global attraktivsten Städte dominiert.

Darum ist letztlich zweitranging, ob Frau Sommaruga Herrn Trump mit Klima statt Freihandel gelangweilt hat und Frau von der Leyen nicht vom Beitritt der EU zur Schweiz überzeugen konnte. Das WEF und unsere Hassliebe sind für den Mythos Sonderfall so wichtig, dass es längst auf die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes gehört.

Deshalb ist es Zeit, Klaus Schwab endlich einmal für seine Party zu danken. Dass wir ihm dafür nicht einfach die Einbürgerung schenken, beweist ja auch nur, wie offen und international wir eben sind. Schiller blieb schliesslich auch Deutscher.

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