Vom Wahnsinn umzingelt

Jan Peters | veröffentlicht am 06.12.2019

Vielen unserer LeserInnen ist noch präsent, wie 2003 erstmalig das Schweizer «Unwort des Jahres» gekürt wurde. And the winner was – «Scheininvalide». Es begannen Diskussionen über die politische Korrektheit dieser Wahl, die von der SVP anlässlich eines erneuten Rütli-Rapports mit der Ausgabe der Parole beendet wurden, dass unter «Scheininvaliden» sozialparasitäre Simulanten zu verstehen seien, deren Lebenszweck darin bestehe, den wehrlosen Staat auszunehmen wie eine Strassburger Weihnachtsgans.

Vom Wahnsinn umzingelt
Paresh Nath | (Nebelspalter)

Wie dem auch sei – eine Beschäftigung mit Sprache hat noch nie geschadet. Im Zuge der rasanten Entwicklung der sozialen Netzwerke und der damit verbundenen situations­adäquaten Verwendung von Sprache ist festzustellen, dass die Demokratisierung der Gesellschaft dank WhatsApp & Co. einen regelrechten Schub erfahren hat; die früheren künstlich errichteten Hemmschwellen zwischen den Bevölkerungsschichten und Geschlechtern wurden geschleift.

Vor noch nicht langer Zeit hätte ein Tanzstunden-Jüngling, der stundenlang vergeblich am Brunnen vor dem Tore auf seine Holde gewartet hatte, dieser vermittels einer Depesche erklärt: «Verehrtes Frl. Müller-Lüdenscheid! Vermutlich waren Sie gestern so sehr von der akkuraten Anfertigung Ihrer Hausaufgaben absorbiert, dass Sie darob schier die Zeit vergassen. Grämen Sie sich nicht, gern warte ich morgen wieder von 9 bis 17 Uhr unter dem Lindenbaum auf Sie.» Heutzutage räumt man Missverständnisse weitaus effizienter aus dem Weg. Kürzlich durften wir in der S-Bahn dem Geturtel von frisch Verliebten lauschen: «Ay Tusse, kommste mit saufen?» – «Kannst mich mal kreuzweise, Penner!»

Von Amerika lernen
Es ist eine bekannte Tatsache, dass Europäerinnen und Europäer mit einer leichten Zeitverzögerung all das übernehmen, was sie in den Vereinigten Staaten als vorbildlich und erstrebenswert wahrnehmen. Dem Ver­fasser dieses Artikels beispielsweise wäre eine glücklichere Jugend beschieden gewesen, hätte er wie James Dean ausgesehen und einen Porsche 550 Spyder gefahren. Oder hätten seine Eltern den Namen Rockefeller getragen. All dies war NICHT der Fall. Immerhin beim Cola-Trinken erreichte der Verfasser US-Standards. Dann sang Elvis «Tutti Frutti», Bill Haley rockte «Around the Clock», Joplin verzehrte sich vor Sehnsucht nach «Bobby McGee». Es kam Vietnam, und Jimi zerfetzte in Woodstock das Sternenbanner mit seiner jaulenden Stratocaster. Danach kam ganz lange nichts. Und dann kam Trump. Womit wieder nichts gekommen war.

What the POTUS said
Amerika war einmal führend in Sprachwissenschaften. Da gab es einen Noam Chomsky, seines Zeichens Chef-Linguist, als dessen Hauptwerk die «generative Transformationsgrammatik» angesehen wird. Man muss nicht wissen, was das ist. Es ist etwas Gewaltiges. Dann kam Trump. Man muss nicht wissen, wer der ist. Er ist nichts Gewaltiges. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist es durchaus erstaunlich, dass jemand, der über den Wortschatz und die Sprachkompetenz eines Zwölfjährigen verfügt, Präsident des mächtigsten Landes der Welt werden kann. Im internen White-House-Sprech nennt sich Donald Trump gern «POTUS – President of the United States». Und POTUS ist jemand, der auf der Klaviatur der modernen Medien virtuos zu spielen versteht. Sein Lieb­lings­me­dium ist Twitter. Wenn man auf Twitter schreibt, dann schreibt man eigentlich nicht. Man twittert. Und was beim Twittern herauskommt, das ist dann auch danach. Vor geraumer Zeit twitterte POTUS kurz nach Mitternacht, als er sich wieder einmal flennend wie ein Halbwüchsiger über die Hexenjagd auf ihn und die Lügenpresse beklagte: «Despite the constant ne­gative press covfefe.» Knallhart. Nur diesen Satz. And no­thing more. «Covfefe, übernehmen Sie.»

Dechiffrierung
Im Gegensatz zur sonstigen Presse, die ausser Fake News nichts zustande bringt, fühlen wir vom ‹Nebelspalter› uns grundsätzlich der Wahrheit verpflichtet. In diesem Sinne legten wir den Tweet unserer Stabsabteilung «Dekodierung Mitbewerber-E-Mail-Verkehr» vor. Nachdem wir 12 Monate nichts mehr von dort gehört hatten, nahmen wir per Rohrpost Verbindung mit den Nachrichten-Freaks auf. Kurze Zeit später hörten wir Klopfsignale an der Wand. Einer unserer Mitarbeiter, der bei den Pfadfindern das Morsen gelernt hatte, entzifferte wie folgt: «Abteilungsleiter ‹Dekodierung› unterwegs nach Bletchley Park.» Viele Monate später wurde in der Marina Horn eine Flaschenpost angespült.

Auf einer ausserordentlichen Betriebsversammlung wollte der Chef vom Dienst gerade die in der Flasche enthaltene Übersetzung des Covfefe-Tweets verlesen, als eine menschliche Hand aus der Wand trat und in Buchstaben von Feuer zu schreiben begann: «Da sprach Veronika, am Arsch ist die Harmonika.» Wie hypnotisiert starrte die Belegschaft auf diese Schrift, als sich Betriebsarzt Dr. Viktor Frankenstein erhob und mit Grabesstimme verkündete: «Dies ist der Einsatzbefehl Donald Trumps an Darth Vader zur totalen Vernichtung der Erde. Damit hat sich das Impeachment erledigt.»

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