Wir sind alle ein wenig Atlanten

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 31.10.2019

Wir sind alle ein wenig Atlanten
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Die Bildungsbürgerlichen und Bildungslinken unter Ihnen haben es sofort erkannt: Der schmerzerfüllte Muskelmann auf unserem Titelbild zeigt den altgriechischen Titanen Atlas. (Kleiner Exkurs für die Bildungsferneren: Ja genau – Atlas, so heisst auch das Buch mit den vielen Weltkarten, das man euch in der Schule mal gezeigt hat. Der griechische Typ mit der Weltkugel hat dem Buch den Namen gegeben. Sein heute bekannterer Bruder ist Gogelmapos, der mit einem kleinen Zauberspiegel jeden Punkt der Welt von oben betrachten und die Reiseroute dahin anzeigen lassen kann.)

Doch zurück zum Schmerz. Damit kannte sich die Antike ja richtig gut aus. Genauer: mit dem Ertragen und Zufügen von Schmerz. Während ein Mann heute eine durchschnittliche Erkältung auf einer Leidensskala von 1 bis 10 meist bei einer 12 verortet, hatten die hellenischen Helden noch wirklich Ahnung von Pein. Man nehme eine sadistische Grundidee und kombiniere sie mit dem Faktor Ewigkeit. Sisyphos, der unablässig einen Felsblock den Hang hinaufrollen muss. Tantalos, dessen Name sich sogar als Präfix für besonders grausame Qualen etabliert hat. Oder eben Atlas, der für immer dazu verdammt ist, den Globus auf seinen Schultern zu tragen.

Die moderne Welt hat uns alle ein wenig zu Atlanten gemacht. Wenn der «Tagesschau»-Anchor jeweils zum Sport oder Wetter überleitet, hat er uns zuvor in der Regel ausnahmslos Bad News präsentiert – und damit jedem ein Stück Weltschmerz auf die Schultern gehievt. Geteiltes Leid ist schliesslich halbes Leid. Natürlich kennt auch unsere Zeit noch immer jene tragischen Helden, die dazu auserkoren sind, die Last einer ganzen Epoche zu schultern, geschlagen von einem Schicksal, das sich mit  der griechischen Mythologie messen kann: Der Götterbote Köpplos zum Beispiel, der bis in alle Ewigkeit von Zürcher Gemeinde zu Gemeinde ziehen muss, um die Leute vergeblich vor der List des Orakels von Thunberg zu warnen. Oder der Halbweise Ignatios, dazu verdammt, bis ans Ende der Zeit ratlos im Rat der Sieben auszuharren, damit seine Sippe den angestammten Ratsitz nicht verliert.

Wissenschaftlich macht Schmerz durchaus Sinn. Er ist überlebenswichtig, da er den Organismus über vorliegende oder drohende Schäden am System warnt. Nur hinkt die Evolution der Realität wie so oft hinterher. Wo bleibt das Sirren in den Ohren, das uns vor vergifteten Fake News warnt? Wo bleibt das warnende Kribbeln in den Händen, wenn Gogelmapos’ Zauberspiegel uns mit dem Auto direkt in ein Fahrverbot lotst? Freuen Sie sich auf eine schmerzoptimierte Zukunft – und viel Spass an dieser Ausgabe!

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