Ombudsmann Roger Blum

Carole Starrmilch | veröffentlicht am 31.10.2019

Ombudsmann Roger Blum
Michael Streun | (Nebelspalter)

Lieber Roger Blum

Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen danken. Ihr Urteil zum Fall Ronja Jansen gegen den Staatssender begrüsse ich vollumfänglich. Die Kritik, die seither zahlreiche Berufskollegen von Satiriker Michael Elsener an Ihrem Entscheid geübt haben, ist lachhafter als die meisten Pointen selbiger Leute.

Exakt hundert Jahre nach dem unsäglichen «Satire darf alles»-Imperativ eines gewissen Kurt Tucholsky ist es Ihnen gelungen, die Dinge endlich wieder etwas zurechtzu­rücken. Hundert Jahre haben seine Jünger dieses «Satire darf alles» wie eine heilige Monstranz der Aufklärung vor sich herge­tragen, als wäre die Formel nicht in einer beliebigen Ausgabe des ‹Berliner Tageblatt›, sondern in der Präambel der Menschenrechts-Charta festgehalten worden.

Ich kann nur hoffen, dass Ihrer Stellung­nahme als SRG-Ombudsmann eine ebenso gros­se Wirkungsgeschichte bevorsteht wie Tucholskys fehlgeleiteter Forderung. Längst muss doch unserer Gesellschaft klar ge­worden sein, wie anachronistisch ein Weltbild ist, welches körperliche Gewalt bis hin zu kleinsten Nasenstübern strafrechtlich verfolgt, aber verbale Entgleisungen und Verletzungen im Namen der Unterhaltung und unter dem Vorwand von Meinungsfreiheit ungeahndet lässt. Ganz so, als hätte es die Erkenntnisse von Jahrzehnten psychologischer Forschung schlicht nicht gegeben.

Wie beleidigend muss es für eine junge Politikerin, die im Tanktop zur Wahl ins Parteipräsidium antritt, sein, in einem Sketch als «Miss Juso» bezeichnet und damit auf  ihre Attraktivität angesprochen zu werden? Wie entwürdigend ist es für den kanadischen Premier Justin Trudeau, wenn er im vorgeblich seriösen «Echo der Zeit» als «Sonnyboy» apostrophiert wird? Warum kann sich der Glaube noch immer halten, wonach gut aussehende Menschen in unserer Gesellschaft oft irgendwelche Karrierevorteile geniessen? So lange dieser Irrtum nicht restlos beseitigt ist, müssen wir uns nicht wundern, wenn gut aussehende Menschen tatsächlich einfacher Karriere zu machen vermögen.

Deshalb ist es richtig, dass Sexismus selbst durch die Hintertür vorgeblicher Satire keinen Platz mehr im öffentlichen Diskurs hat. Dass der Einsatz komödiantischer Kunst­figuren künftig typenkonform zu sein hat und keinen Freibrief für satirische Grenzüberschreitungen mehr darstellt, darf mit Fug und Recht als Meilenstein für unser Rechtsempfinden betrachtet werden.

Es bleibt zu hoffen, dass der Paradigmenwechsel innerhalb der SRG umgehend ‹ex tunc›, also mit rückwirkender Kraft, vollzogen wird. Im Online-Archiv des Schweizer Fernsehens finden sich zahllose Satirebeiträge mit Kunstfiguren ohne ausreichende Typenkonformität. Um nur ein Beispiel zu nennen: Jahrzehntelang hat der Bauchredner Urs Kliby, vormals Kliebenschädel, mit Hilfe seiner Kunstfigur Caroline das Publikum glauben lassen, Esel seien vorlaut, gesprächig und sangesfreudig, obwohl bis heute keine wissenschaftliche Studie über die Art Equus asinus asinus diese These belegen kann. Damit nicht genug: Bis zum heutigen Tag finden sich auf «Play SRF» volle 57 Beiträge, die klar dokumentieren, wie der alte weisse Mann Kliby der jungen Eselin Caroline mit der Hand unter den Rock greift.

Viel zu lange waren Satiriker, Comedians und Karikaturisten weltweit dem Irrtum verfallen, ihr Schaffen müsse auf die Stilmittel Übertreibung, Zuspitzung und Provokation  zurückgreifen. Dabei haben sie übersehen, dass genau dieselben Stilmittel inzwischen von den realen Akteuren, den Politikern und Entscheidern, angewendet werden. Genau gleich – nur erfolgreicher. Satire aber, die stets aufs Neue von der Realität eingeholt wird, hat keinen Anspruch mehr auf be­sondere Freiheiten. Mehr noch: Jede Über­treibung, jede künstlerische Überspitzung, ist in Zeiten grassierender Fake News und Desinformation geradezu verantwortungslos.

Die Lex Roger Blum bedeutet nicht das Ende für die Satire, nur den Beginn einer neuen Ära. Wenn Michael Elsener künftig typenkonform Frauen unsensibel behandeln will, kann er doch einfach in die Rolle eines Roger Schawinski schlüpfen. Und für eine Parodie auf ein wohlkalkuliert dauerempörte Jungsozialistin kann er nun zwischen Tamara Funiciello und Ronja Jansen auswählen.

Carole Starrmilch,
anagrammatische Kunstfigur

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