For Sale: Swiss Soul

Roland Schäfli | veröffentlicht am 31.10.2019

In den drei Urkantonen beginnt nicht nur die Geschichte der Eidgenossenschaft, sondern auch deren Ausverkauf. Wie historisch belegt, schlossen die Urner für das ambitionierte Bauprojekt der Schöllenenbrücke erstmals einen Pakt mit dem Teufel. Als Gegenwert wurde die Seele eines Menschen versprochen. Nicht das letzte Mal, dass die Schweiz ihre Seele dem Meistbietenden anbot. Wir haben sie Stück für Stück verkauft. Wo sie einst war, steht heute das Schild: «Ich bin dann mal weg.»

For Sale: Swiss Soul
Carlo Schneider | (Nebelspalter)

1115: Seelenforscher erklären, die Schweiz sei Heimat vieler «reifer Seelen». Käseforscher sind überzeugt, die Reife habe mit der richtigen Gärung zu tun. Jene mit echter Schweizer Seele erkennt man am Geruch. Ein bisschen stinken muss sie.

1291: Historiker sind überzeugt, dass die Seele der Schweiz auf dem Rütli liegt. Eine aktuelle Spurensuche auf der Wiese der Eidgenossenschaft fördert am Lagerfeuer Artefakte zutage: verkohlte Wurst-Spiesse von Reformierten liegen noch in der Asche (siehe 1519), und ein paar leere Tetra Pak, die nicht brennen wollten.

1402 entdecken Schweizer Söldner in fremden Diensten das Heimweh, genannt «Schweizerkrankheit». Viele Schweizer leiden noch heute darunter. Meist gleich am ersten Ferientag im Ausland, wenn sie fiebrig behaupten, «daheim ists viel schöner».

1519 revolutioniert Zwingli die Kirche, indem er in der Fastenzeit eine Wurst isst. Bisher hiess es, Fasten reinige die Seele und wenn der Magen knurrt, ist die Reinigung abgeschlossen. Falsche Angaben zu Reinigungsmitteln sollten das Schicksal von Anna Göldi besiegeln (siehe 1782).

1648: Seit dem Ende des Dreissigjährigen Kriegs (gemeint ist nicht die Feindschaft zwischen FCB und FCZ) gehört die Eidgenossenschaft nicht mehr zum Deutschen Reich. Doch bei der Abspaltung wird ein Stück der deutschen Einheitsseele mit abgetrennt. Darum zieht es viele Schweizer unbewusst zu Oktoberfesten und zum Einkaufen in Deutschland.

1782 gibt Anna Göldi unter Folter zu, teuflische Kräfte zu nutzen. Tatsächlich benutzte sie ein neues Waschmittel, im Deutschen Reich gekauft, das so weiss wäscht, dass ihre Richter annehmen, die Putzkraft stehe mit dem Teufel im Bunde. Die Schweizer lies­sen sich bei der Hinrichtung von der europaweiten Empörung der Dienstmagd-Gewerkschaft nicht abhalten, hatte man sich ja vom Deutschen Reich abgespalten, um keine fremden Richter zuzulassen.

1847 kommt es zum Sonderbundskrieg zwischen städtisch-reformierten und ländlich-katholischen Seelen. Daraus entstehen die Agglomerationen, deren Bevölkerung sonntags nicht in die Kirche geht, sondern zur Auto-Ausstellung, wo Reformierte eine Grillwurst essen.

1875 will Carl Gustav Jung als Erster die Schweizer Seele analysieren. Sie erweist sich für den Psychiater allerdings als zu nebulös. Es gelingt ihm aber, seine Sexualtheorie der Seele festzumachen, der gemäss ihre Träger von Geld angetörnt werden.

1948 kommt noch ein Stück Schweizer Seele unter den Hammer, als der Beitritt zum Internationalen Gerichtshof beschlossen wird. Glarus weigert sich, das Urteil gegen die Hexe Anna Göldi nachträglich zu widerrufen.

1952 setzt sich eine Änderung zum Forterhalt der Schweizer Seele durch: das Bürgerrechtsgesetz wird so angepasst, dass Schweizerinnen durch Heirat mit einem Ausländer ihre Schweizer Seele nicht aufgeben müssen. Es zeigte sich nämlich oft, dass Schweizer Frauen bald ihre Eigenschaften (Fleiss, Sauberkeit, Sparsamkeit) ablegten, die in Glarus früher zum Hexenprozess führten.

1983: Die Schweizer Volksseele kocht, weil ihr Land von Ausländern zerstückelt wird. Der Verkauf der heimatlichen Scholle wird erst durch die Lex Koller verhindert (ursprünglich Lex Barker, weil Old Shatterhand einen Claim am Genfersee absteckte). Das Gesetz verhindert nicht, dass die Seele von St.?Moritz russischer wird und ihr Atem nach Wodka stinkt.

2002: Dass die Swissair deutsch wird, schmerzt die Schweizer Seele. Der Wiedererkennungswert eines Brands setzt sich daraus zusammen, dass der Kunde darin seine Seele wiedererkennt. Das führt zur Verwirrung, weil Ovomaltine britisch ist, Toblerone amerikanisch und Feldschlössli nach Coca-Cola schmeckt. Mit der Mineralquelle in Vals wurde die Schweizer Seele sogar avec gaz an die Dänen veräussert. Wie viel Swissness noch in der Schweizer Seele steckt, zeigt sich demnächst, wenn der Pakt mit China geschlossen wird.

2010: Parapsychologen sind überzeugt: die Seele von Steve Lee lebt weiter. Selbst ein Exorzismus bleibt bei hartnäckigen Fans wirkungslos. Geistheiler glauben, dass die Seele eines abgewählten SVP-Nationalrats in einen neugewählten grünen Parlamentarier fährt. Zwar glauben viele Schweizer an Reinkarnation, fürchten sich aber, als etwas anderes als ein Schweizer wiedergeboren zu werden. Zum Beispiel möchte keiner als Tier im Thurgau auf die Welt kommen.

2018 verkauft erstmals eine Schweizerin ihre Seele auf Ebay. Sie überträgt diese formell auf einem A4-Papier. Viele Schweizer fühlen sich vom Verkaufspreis von 10 Mio. angetörnt.

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