«Verrat! Verrat!» – die Leiche grinst

Jan Peters | veröffentlicht am 31.10.2019

Denjenigen unter unserer Leserschaft, die während ihrer Schulzeit bzw. universitären Ausbildung in den Genuss kamen, sich intensiver mit dem schwäbischen Nationaldichter Friedrich von Schiller beschäftigen zu dürfen – und zwar nicht nur mit dessen unsterblichem Evergreen ‹Wilhelm Tell› –, wird möglicherweise die ‹Verschwörung des Fiesco zu Genua› vage erinnerlich sein.

«Verrat! Verrat!» – die Leiche grinst
Patrick Chappatte | (Nebelspalter)

Der Verfasser dieses Artikels wird noch heute von Rachegedanken gegen seinen Deutschlehrer heimgesucht, wenn er an Aufsatzthemen aus grauer Vorzeit denkt: «Würden Sie den Fiesco als einen tragischen Helden im Sinne des Aristoteles, einen Vorkämpfer der Demokratie oder lediglich als einen charakterlosen Lumpen einschätzen?» Eigentlich – ich bin ganz offen zu Ihnen – haben mich damals die Damen aus der Tanzstunde weitaus mehr interessiert als abgefeimte ligurische Renaissance-Verschwörer. Um aber einen ansprechenden Schulabschluss zu ergattern, beschäftigte ich mich dann nolens volens mit dem Fiesco, der notabene NICHT derjenige war, der kürzlich in Genua die Autobahnbrücke zum Einsturz brachte – «Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand!» –, sondern ein ‹klassischer› Schurke, der sich nicht entscheiden konnte, ob er die Republik ersatzlos vom Fürsten befreien oder vorsichtshalber gleich selbst die Macht übernehmen solle.

Gefahren des Wassers
Wie in Literatur (und Politik) verbreitet: Wenn der Autor (oder Präsident) nicht mehr weiterkommt, wird die Problematik dergestalt gelöst, dass Teile des Personals bühnenwirksam umgebracht werden. Im Fiesco endet dies damit, dass der Typ im Meer entsorgt wird, immerhin standesgemäss in Purpur gekleidet; bei Schiller geht es häufiger um H2O – siehe den ‹Ring des Polykrates›, den ‹Taucher› u. a. Der von Fiesco zu beseitigende Tyrann hiess übrigens ‹Andrea Doria›. Womit uns das Wasser schon wieder bis zum Hals steht. War die Andrea Doria nicht das Schiff, das mit der ‹Titanic› zusammenstiess, woraufhin beide untergingen? Auf der Titanic trieb der Italiener Leonardo DiCaprio sein Unwesen; ob der von der ’Ndrangheta beauftragt war, M.S. Andrea Doria zum Kentern zu bringen?

Zeitlose Verhaltensweisen
Wer trotz dieser dramatischen Hinführung zum Thema ‹Verrat› (und ‹Verschwörung›) immer noch kein Blut geleckt hat und glaubt, Verschwörer und Verräter habe es nur früher gegeben, den verweisen wir jetzt mal auf die feinen Herren Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan, Wladimir Putin und Baschar Hafiz al-Assad, die mit vereinten Kräften dabei sind, sich gegenseitig übers Ohr zu hauen und dabei den Nahen Osten zu verwüsten. Aus der Ferne dichtete Goethe: «Nichts Bess’res weiss ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen: Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten; dann kehrt man abends froh nach Haus und segnet Fried’ und Friedenszeiten.» Heute gibt es keine Distanz mehr, immer sind wir sofort mittendrin.

… der Mohr kann gehen
Und bei ‹Verrat› schleicht sich auf leisen Sohlen der Genuese Fiesco ein: «Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, … (Fortsetzung Zwischentitel oben). Sagen Sie nicht, Friedrich sei alter Hafenkäs’. Wenn Sie heute Schillers Stück in den (noch) kurdischen Gebieten Syriens aufführten, würden Ihnen genau bei dieser Textpassage die Kampftruppen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG ihr zauberhaftes Theater feinsäuberlich in Haupt- und Einzelteile zerlegen. Und dies zu Recht: Erst lässt die NATO die Kurden scheinheilig gegen den dschihadistischen Abschaum der Hölle kämpfen, dann liefert der verräterische Kretin Trump dieselben Streitkämpfe Erdogan, dem ‹kranken Mann am Bosporus›, ans islamische Krummschwert.

Pack schlägt sich, …
Die Lage in der Region, in der diverse Polithasardeure ihre fiesen Spiele betreiben, wird immer unübersichtlicher: Erst lässt Erdogan kein gutes Haar am Herrn des Kreml – dann erlaubt er dessen Militärpolizei, in seiner Sicherheitszone zu patrouillieren und für ‹Ordnung› zu sorgen. Erst droht der Berserker im Weissen Haus der Türkei, deren Wirtschaft zu zerstören – dann schickt er Pence nach Ankara, wo dieser wie der Ochs vorm neuen Tor dasteht, da ‹Donald the Nutcase› pausenlos vergisst, seinen Knecht über die Oszillationen der US-Strategie upzudaten.

… Pack verträgt sich
Derweil teilt Erdogan dem deutschen Aussenminister mit, dass er ihn für
einen Dilettanten halte; der wiederum hat von der EU den Dauerauftrag, die Schnauze zu halten, da die Kümmeltürken sonst die bei ihnen be­findlichen Flüchtlinge gen Europa in Marsch setzen. Maas läuft zu Merkel und beklagt sich bitterlich, dass Efendi E. so hundsgemein sei. Mutti tröstet: «It’s the diplomacy, stupid! Wachs du erst mal aus deinem Konfirmandenanzug raus, dann schnallst Du das – wenn du mit den Grossen Räuber und Gendarm spielen willst, musst
du alles vergessen, was euch der alte Pfarrer in der Bibelstunde eingebläut hat.» 

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