Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?

Ralph Weibel | veröffentlicht am 04.10.2019

Manchmal, unter dem Sternenhimmel, stellt man sich die Frage der Skrotaltemperaturasymmetrie. Auf Deutsch: Welcher Hoden eines französischen Postboten ist eigentlich wärmer? Der linke oder der rechte? Oder: Warum scheissen Wombats würfelförmig? Verhalten sich tote, magnetisierte Kakerlaken anders als lebendige? Die Forschung hilft uns dabei, unser Leben besser zu verstehen.

Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?
Marina Lutz | (Nebelspalter)

Längst ist das Buch, unter dem gleichnamigen Titel wie dieser Bericht, des Deutschen Richard David Precht zum Standardwerk in der Philosophie geworden. Es versucht uns in einfachen Worten Fragen zu menschlichem Bewusstsein und Verhalten zu erklären. Dies gelingt wahrscheinlich noch beim Durst nach Wissen, der beispielsweise vor genau 500 Jahren Magellan dazu trieb, in See zu stechen, auf der Suche nach einer Westroute zu den Gewürzinseln, wodurch er zum Initiator der ersten historisch belegten Weltumsegelung wurde. Hätte es ihn schon gegeben, Magellan hätte wahrscheinlich einen Nobelpreis erhalten, wie sie Anfang Oktober wieder vergeben werden, weil er eine gros­se Entdeckung gemacht hatte. Leider ist dies nicht allen vergönnt. Abgesehen von denen, die es zur  Nobelpreisträgerin oder zum Nobelpreisträger bringen, fristen viele Forscher ein unbeachtetes Dasein.

Ig-Nobelpreis
Oder noch schlimmer! Sie werden mit einem Ig-Nobelpreis an der Harvard-Universität ausgezeichnet. Der Preis ist mit 10 Billionen Dollar dotiert. Leider nur Simbabwe-Dollar, aber immerhin. Kürzlich war es wieder so weit und ein Blick in die Gewinnerliste beseitigt die letzten Zweifel daran, dass die Menschheit am Verblöden ist. Nicht wegen des Preises, vielmehr deshalb, weil sich tatsächlich Menschen, also zwei Franzosen, ausführlich mit der Frage der Skro­tal­tem­peraturasymmetrie bei nackten und bekleideten Briefträgern in Frankreich auseinandersetzten. Der linke Hoden ist übrigens meistens wärmer. Spätestens jetzt werden Sie auf Ihrer nächsten Frankreich-Reise jeden Postboten mit ganz anderen Augen sehen. Neben den eingangs schon erwähnten magnetisierten Kakerlaken und dem gewürfelten Wombat-Kot und anderem hat ein Italiener bewiesen, dass Pizza vor Tod und Krankheiten schützt, sofern sie in Italien gemacht und gegessen wird.

Auffallend wenig Ig-Nobelpreise gingen seit ihrer erstmaligen Vergabe 1991 an Ver­treter aus der Schweiz, was doch einigermassen beruhigt. Dennoch war einer im vergangenen Jahr Mitglied einer achtköpfigen Forschergruppe, die den Nachweis erbrachte, dass ein Weinkenner eine einzelne Fliege in einem Weinglas riechen kann. Ein anderer (2005) half mit, die Gerüche von 131 Froscharten unter Stress – also die Frösche –  zu untersuchen. Natürlich stellt sich
die Frage, ob die noble Absenz der Schweiz ein Indiz dafür ist, als Forschungsstandort abgehängt zu werden. Das macht Sorge. Und weil bereits nachgewiesen wurde, dass verirrte Mistkäfer sich auf dem Weg nach Hause an der Milchstrasse orientieren können, was im Gehirn der Leute vorgeht, die das Antlitz Jesu auf einem Toast sehen oder dass Hühner ähnlich gehen wie Dinosaurier, wenn ihnen ein beschwerter Stab am Hinterteil befestigt wird, müssen wir eigene Forschungsthemen finden.

Neu entdecken
Offen sind die Fragen, ob das Sexleben von Bettwanzen mit dem Verhalten der Menschen im Bett korreliert, sich das Herzinfarktrisiko von Leuten, die beim Zähneputzen herumgehen oder eben nicht, unterscheidet und ob die Geschmacksrichtung von einem Kaugummi einen Rückschluss darauf zulässt, welcher sich weiter aus dem Auto spucken lässt und welcher hinten am Kotflügel kleben bleibt. Persönlich würde mich interessieren, ob der Kater nach dem Ausgang grös­ser ist, wenn davor schon mit der Partnerin gestritten wurde oder erst beim Nachhause-Kommen.

Ausgiebige Studien
Für den Herausgeber einer satirischen Zeitschrift wie des ‹Nebelspalters› ist es wichtig, zu wissen, wann und warum jemand über etwas lacht. Natürlich gibt es darüber ebenfalls ausgiebige Studien. Fritz Strack von der Universität Würzburg beispielsweise hat sich wissenschaftlich mit der Frage beschäftigt, ob ein Stift im Mund einen Menschen lächeln lässt, wenn er einen Comic betrachtet, was ihn letztlich glücklich macht. Nach ausgiebigen Studien kam Strack zum Schluss, dass Probanden mit einem Stift zwischen den Zähnen, der ein Lächeln erzwingt, Comics lustiger finden, als wenn sie den Stift nur mit den Lippen umfassen, was ein Lächeln verhindert. Strack stellte die These auf: Allein die Aktivierung der Lachmuskeln macht uns glücklicher. Eigentlich könnte die Geschichte hier zu Ende sein. Doch die bahnbrechende Entdeckung animierte weitere Forscherteams, die These zu überprüfen. Die Fachwelt war für Monate und Jahre beschäftigt. Immerhin neun Stu­dien stellten in der Folge denselben Effekt fest. Acht belegten das genaue Gegenteil.

Vielleicht wollen Sie einen Selbst­versuch wagen. Lesen Sie den Nebelspalter erneut durch, einmal mit einem Stift zwischen den Zähnen, einmal nur zwischen den  Lippen. Deklarieren Sie Ihr Ergebnis als Studie, beantragen Sie Forschungsgelder in Millionenhöhe, und spätestens wenn diese fliessen, lachen Sie sich einen Schranz.

Artikel erschienen in der Ausgabe

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