Peter Fankhauser

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 04.10.2019

Den alternativen Nobelpreis haben uns die Schweden mit ihrer Streikgöre zwar gerade weggeschnappt. Doch es besteht kein Zweifel daran, dass dem Schweizer Klimaaktivisten Peter Fankhauser rückblickend eine ähnlich wichtige Rolle zuerkannt wird, wenn es um die Rettung des Planeten geht.

Peter Fankhauser
Michael Streun | (Nebelspalter)

Dieser Mann hat als Chef des Reisekonzerns Thomas Cook auf einen Schlag den ökologischen Barfussabdruck von 600?000 Menschen halbiert. Indem er ihnen ermöglicht hat, an den Sand- und Mikroplastikstränden dieser Welt unbefristet weiter Fussabdrücke zu hinterlassen.

Schade nur, dass die meisten Touristen Fankhausers Initiative torpedierten und inzwischen wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind. Dieses egoistische Verhalten läuft dem Kern von Fankhausers Klimamassnahme zuwider. Denn reisen, wenn man es nur richtig macht, ist gar nicht so schädlich, wie derzeit gerne behauptet wird. Thomas Cooks genialer Schachzug mit dem Surprise-One-Way-Ticket vermag nämlich deutlich mehr als die Hälfte der Klima-­Emmissionen einzusparen.

Das liegt am weltweiten CO2-Gefälle. Ein Australier verfackelt im Schnitt fast vier Mal mehr Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre als ein Schweizer (16 zu 4,5 Tonnen jährlich). Ein Ami kommt auf sage und schreibe 140 Mal mehr Klimagas als ein Äthiopier (14,9 zu 0,11).  Deshalb ist es so bedauerlich, dass der Reisegigant zeitgleich mit der Einführung des innovativen Einwegurlaubs in die Insolvenz geriet. Wäre es Thomas Cook gelungen, sämtliche 20 Millionen Touristen, welche der Konzern pro Jahr bewegte, dauerhaft an den Stränden von Kenia und Tansania abzusetzen, wäre die Welt­gemeinschaft locker ein Zehntelgrad näher ans Zweigradziel gerückt.

Für jeden Wahlkampfhelfer oder Rechtsanwalt, den Donald Trump zu persönlichen Ermittlungszwecken in die Ukraine abkommandieren würde (minus 10,6 Tonnen), könnten Jair Bolsonaro in Brasilien und Evo Morales in Bolivien eine gute Zilliarde Quadratmeter Regenwald mehr brandroden.

Peter Fankhauser hatte also erkannt, dass nachhaltiges Klimareisen in den ärmeren Süden ein Schlüssel wäre, um indirekt und nachhaltig Millionen von Klimaflüchtlingen in den reichen Norden abzuwenden. Darum war Fankhauser auch jede Million wert, die er bis zur Konzernpleite auf sein eigenes Konto ausfliegen durfte.

Mit dem Verlust der letzten Naturparadiese   steht der globale Tourismus ohnehin vor der Frage, wie man das angeborene Pauschal­migrationsbedürfnis unserer Art künftig besser bewirtschaften kann. Wenn sich sogar gewissenloser Massentourismus nicht mehr lohnt, was dann! Doch weshalb muss man überhaupt Menschen Hunderte und Tausende Kilometer transportieren, damit sie sich mit den immergleichen Souvenirs made in China eindecken, damit sie sich durch die immergleiche Poolkarte (Club Sandwich, Caesar Salad, Hamburger) futtern, damit sie die immergleichen Shoppingmeilen (H?&?M, Zara, Esprit) plündern können?

Im Grunde will der Mensch reisen, ohne seine Routine aufgeben zu müssen. Das war schon ganz am Anfang des Tourismus so, als Thomas Cook die ersten reichen Engländer in die Schweizer Hochalpen schleppte: Die Briten genossen das raue Klima und die grantige Bedienung, die sie von zu Hause kannten.

Wenn der Tourist ohnehin nichts mehr ansteuern kann, was andere Touristen vor ihm mehr oder weniger kaputt gemacht haben, dann müsste man doch das «Reisen um des Reisens willen» einfach simulieren. Unseren Goldhamstern stellen wir doch auch einfach ein Laufrad in den Käfig. Flugsimulatoren gibt es im Prinzip schon lange, man müsste sie also nur noch um das «Club Sandwich am Pool»-Modul erweitern. Der Souvenir-Schrott wird mit Alibaba bequem von Shen­zhen nach Schwerzenbach geliefert.

Urlaubssimulatoren wären zumindest eine gute Übergangslösung, bis wir technologisch endlich am Ziel sind: Mit Zeitreisen könnten  wir Epochen der Erde heimsuchen, die noch wirklich unberührt sind. Wer möchte nicht die erste Cola-Dose an einem Strand der späten Kreidezeit liegen lassen? Dass Zeitreisen irgendwann einmal funktionieren wird, ist im Übrigen nicht ernsthaft zu bestreiten. Der beste Beweis ist bekanntlich, dass noch niemand aus der Zukunft auf die irre Idee kam, die Gegenwart zu besuchen. 

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