Kleine Wellenkunde

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 04.10.2019

Vor rund einem Jahr hatte sie sich erstmals angekündigt. Die Hoffnung jener, die sie nicht zu reiten wissen, zerschlug sich: Die grüne Welle, nein, sie wird nicht auf den letzten Metern abrupt auslaufen und von einer anderen Woge überrollt. Der wurmstichige Apfel der SVP ging ebenfalls in der heranbrausenden Schaumkrone verloren. Am 20. Oktober wird die Schweiz ein neues, klimafreundlicheres Parlament wählen.

Kleine Wellenkunde
Silvan Wegmann | (Nebelspalter)

Aber halt: Nur keine überzogenen Erwartungen! Die Brandung rund ums Bundeshaus ist enorm. Während im umliegenden Ausland die alte Parteienordnung von den Strömungen des Zeitgeistes teils restlos weggespült wurde, droht den bürgerlichen Parteien in der Schweiz gemäss Wahlbarometer der Verlust von – halten Sie sich fest – unglaublichen zwölf Sitzen! Dem Ständerat, unserer kleinen Parlamentskammer, die in Sachen Progressivität knapp vor dem Vatikan figuriert, wird von der grünen Welle vermutlich nicht einmal ernsthaft Gischt um die Visage klatschen.

Auch wenn die Medien am Wahlabend das übliche rhetorische Feuerwerk mit «Erdrutschsieg», «Erdbeben» und «Waterloo» zünden werden – die individuellen Parteistärken dürften sich nur um wenige Prozente verschieben. In einer stabilen Demokratie wie der unseren können aber bereits einige Promille enorm viel ausmachen. Politiker wie Alfred Heer und Filippo Lombardi kennen das von der Polizeikontrolle.

Fakt ist, Greta hat schon heute alle etwas grüner gemacht. Sogar das abtretende Parlament hat in seiner letzten, gerade zu Ende gegangenen Session einen ökopolitischen Klimagesinnungswandel hingelegt, als hätte das leibhaftige Schwedenmädchen mit den Haarzöpfen in der Wandelhalle eine weitere Wutrede gehalten: «Wie könnt ihr es wagen!» Einige haben es tatsächlich gewagt und sich das nötige Wissen zum Wellenreiten erworben: Kraftvoll anpaddeln, Brust raus und schnell aufstehen. Petra Gössi gilt als neuer Star in der Surferszene. Andere wissen: Gegen diese Wucht haben sie keine Chance. Wer voll in den Wellenwirbel gerät, soll Ruhe bewahren, langsam auf zehn zählen und vertrauen, wieder an die Oberfläche getrieben zu werden. Für sie heisst es: Hauptsache wieder dabei, auch wenn der Meeresspiegel dann zwei, drei Meter höher liegen wird.

 

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