Quereinsteiger

Ralph Weibel | veröffentlicht am 31.08.2019

Im Schatten der seit Jahrzehnten auf der Intensivstation befindlichen Krankenkassen wurde ein nationales Problem schwer vernachlässigt: Der drohende Lehrerinnen- und Lehrer-Mangel an unseren Volksschulen. Nur aussergewöhnliche Massnahmen stellen sicher, dass die dummen Kinder nicht dumm bleiben.

Quereinsteiger
Sandro Fiscalini | (Nebelspalter)

Sind wir ehrlich, eigentlich ist es relativ einfach vorherzusehen, wie viele Schülerinnen und Schüler in ein paar Jahren einen Lehrkörper brauchen. Die Formel lautet Lehrerbedarf x gleich Geburtenrate durch Klassengrösse. x minus Pensionierte y, mi­nus abtrünnige Junglehrer z gleich fehlende Lehrer. Leider schafften nur einige wenige, diese Rechnung mit einem «Genügend» abzuschliessen. Deshalb gibt es jetzt einen Lehrerinnen- und Lehrer-Mangel. Würden solche simplen Entwicklungen in der Privatwirtschaft ähnlich unfähig berechnet, wäre die schweizerische Wirtschaftsleistung in etwa auf dem Niveau des Südsudan. Eigentlich erstaunlich, dass die Schweiz, trotz ihres Bildungssystems, nicht am Ende der Tabelle liegt, sondern ganz vorne. Offenbar kalkuliert die Wirtschaft weitsichtiger. Was liegt daher näher, als von dieser zu lernen.

Aus dem Leben gegriffen
Was heisst hier lernen? Die Lehrerverbände haben längst den Wert von Quereinsteigern erkannt. Diese bringen das Rüstzeug mit, welches Lehrkörpern in ihrer Pädagogenblase fehlt, die in ihrem Leben noch nie etwas anderes als ein Schulzimmer gesehen habe, erst als Schüler, dann als Lehrer: Erfahrungen aus der realen Welt. Deshalb wird den richtigen Menschen ermöglicht, vereinfacht in eine Berufsgattung mit viel Freizeit, guten Löhnen und unzähligen Spezialisten an der Seite zu wechseln, die trotz allem immer bessere Rahmenbedingungen fordert. Dazu zählen unter anderem mehr Lohn, weniger Unterrichtsstunden sowie Klassengrössen um die 20 Schülerinnen und Schüler. Bereits durchgesetzt wurde bekanntlich, dank Fridays for Future, die Viertagewoche.

Mit der Anstellung von Quereinsteigern leisten die Schulen einen wich­tigen Beitrag an die Gesellschaft. In Unterägeri beispielsweise fand der ehemalige Baggerfahrer und langzeit­arbeitslose Mustafa Ö. eine neue Anstellung als Lehrer. Auf der anderen Seite geraten dadurch die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) unter Druck. Bereits mussten einige davon geschlossen werden, weil die Langzeitarbeitslosen Pädagogen wurden. Aus Sicht des Lehrkörperverbandes reicht dies allerdings noch nicht, um alle offenen Stellen zu besetzen.

Scheininvalide
So wurde beim letzten Konvent beschlossen, eine Zusammenarbeit mit den Detektiven anzustreben, die Sozialschmarotzer aufspüren. Ein nicht zu unterschätzendes Potenzial. In den vergangenen Monaten ist es gelungen, einige Scheininvalide wieder spektakulär zu integrieren. In Oberhasli ist Jürg P. heute Sportlehrer, nachdem er jahrelang als Rollstuhlfahrer von der IV gelebt hatte.

Zu einer eigentlichen Win-win-Situation führte die Zusammenarbeit mit Flüchtlingszentren. Eritreer könnten Tigrinya unterrichten. Dafür wird das verhasste Frühenglisch und Französisch abgeschafft.

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