Schön war die Kreidezeit – sie kehrt grad wieder

Jan Peters | veröffentlicht am 30.08.2019

Wie die Medien berichteten, ist die von Film, Funk und Bühne bekannte Klimaaktivistin Greta Thunberg Mitte August von Plymouth aus mit der 100% emissionsfreien Jacht «Malizia II» zu einer 14-tägigen Reise über den Atlantik aufgebrochen, um im September am UN-Klimagipfel teilzunehmen.

Schön war die Kreidezeit – sie kehrt grad wieder
Silvan Wegmann | (Nebelspalter)

Ihre Anhängerschaft geht derweil ungebrochen freitags demonstrieren: «Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!» – die Greta, die macht wenigstens was! Und die Politiker in Bern im Bundeshaus? Die machen nix, ausser blöd daherzuschwätzen. Wer dies meint, hat die Rechnung ohne die SVP gemacht, die einzige Partei, die selbst dann ans Vaterland denkt, wenn anderen nichts mehr einfällt ausser: «Diese Hitze macht mich noch fertig!» Roger Köppel, Blochers Mann fürs Grobe, bietet der Warmfront die Stirn, tingelt durch die Lande und versucht sich als Bänkelsänger. In Seldwyla im «Bären» entrollt er mit Getöse Plakate, auf denen die geknechtete Schweiz in den Ketten der EU gezeigt wird, fuchtelt grinsend mit einem Bolzenschneider in der Gegend herum, als wolle er sich unbefugten Zutritt zum Geräteschuppen einer Gartenkolonie verschaffen, während er dem Publikum in die Hörgeräte brüllt, dass die EU, die Kommunisten und die Ausländer an allem schuld seien: «Aber wir Schweizer unterwerfen uns nicht – niemals!»


Bloss keine Panik
Dann erläutert Köppel, dass es normal sei, dass es kühler und wärmer sein könne. Während der Kreidezeit, als sich die Saurier übermütig im Mittelland balgten, sei es sogar noch viel wärmer als heute gewesen. Seinerzeit habe sich keiner über die Hitze aufgeregt. Er selbst sei damals zwar noch nicht dabei gewesen und Naturwissenschaftler sei er auch keiner, aber heiss gewesen sei es allemal. Man habe Hinweise darauf. Dann legt er den eingeschüchterten Leuten dar, dass die Bolschewisten, diese Sauhunde, das prächtige Sommerwetter zum Vorwand nähmen, um den Mittelstand zu ruinieren. Dieser habe ohnehin schon alle Hände voll damit zu tun, den tückischen europäischen Bürokraten zu widerstehen. Woher komme Rettung? Man lese Schillers Tell. Verlassen wir nun Köppels «Rocky Horror Picture Show» und seine ergreifenden Versuche, ein Schweizer Idyll zu beschwören, das es so nie gegeben hat, und wenden uns ernstzunehmenden Aspekten des Klimawandels zu.


Merkwürdige Allianzen
Es bleibt wohl hauptsächlich per­fiden Zeitgenossen vorbehalten, der Greta Thunberg zu unterstellen, sie verfolge bei ihrem Feldzug gegen den Klimawandel andere Ziele als diejenigen, die sie unbeirrt und überzeugend vorbringt: Senken der Durchschnittstemperaturen durch Minderung des CO2-Ausstosses, Bewahren des Planeten, Erhalten der Schöpfung für zukünftige Generationen. Wenn sie damit sogar Zugang zum Davoser WEF erhält, kann man sich allerdings schon fragen, was diese Phalanx der Mächtigen dazu bewogen haben mag, jemanden auftreten zu lassen, dessen Ziele nicht unbedingt als kongruent mit denjenigen der Weltherrscher an­zusehen sind.

Und wem gehört die schnittige Jacht, mit der Greta über den Atlantik gebracht wurde? Die beiden Skipper sind der deutsche Segelsportler Boris Herrmann aus Hamburg und Pierre Casiraghi, der Sohn von Prinzessin Caroline von Monaco, vom Team Malizia. Eine Sprecherin des Teams sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Reise könne für Greta je nach Wetterverhältnissen durchaus unruhig werden: «Aber Greta ist ein mutiges Mädchen, sie wird das locker hinkriegen.» Das liest sich dermassen flockig, dass man in Berlin sagen würde: «Nachtigall, ick hör dir trapsen» – so viel berufsmässig dargebrachte PR-Empathie tut fast schon weh. Und das Boot stammt aus Monaco? Einem Land, das dafür bekannt ist, sich für Umwelt, Ressourcenschonung und den sozialen Ausgleich unter der Menschheit zu verausgaben. Dies ist der Grund, warum der Jetset bevorzugt dort lebt. Sportler, die auf sich halten, ziehen nach Monaco, sobald sie zu Geld gekommen sind. Die Steuern, die die Schickeria dort spart, transferiert sie auf ein Sammelkonto auf den Caymans. Wenn Greta auf ihrem Segelturn dort anlegt, wird Charlène Lynette Grimaldi, Fürstin von Monaco, auf der Pier stehen und ihr das Geld zur Finanzierung von Klimaprojekten überreichen.


Feindliche Übernahme
Es gibt Soziologen, die vor der «Landnahme des Sozialen» durch den Neoliberalismus warnen. Damit meinen sie, dass sich dieses System nicht nur auf die Finanzmärkte beschränke, sondern dass die dort angewandten Profitabilitäts- und Vermarktungsstrategien auf sämtliche Gesellschaftsbereiche ausgeweitet würden. Indem man den Zwang zur Renditeerwirtschaftung in den Rang eines Naturgesetzes erhebe, mache man das Sozialverhalten von Salzwasserkrokodilen salonfähig. Dazu hören wir die Moritat von Mackie Messer: «Denn die einen sind im Dunkeln, und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.» Sei wachsam, Greta – die Haie ausserhalb der Jacht sind kleine Fische im Vergleich zu denen, die dich so grosszügig an Bord nehmen!

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