Karin Keller-Sutter

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 30.08.2019

Karin Keller-Sutter
Michael Streun | (Nebelspalter)

Lassen Sie uns gleich zur Sache kommen. Das Fressen kommt immer vor der Moral. Nicht nur bei Karin Keller-Sutter. Bei uns allen. Das muss so eine Art Knigge-Regel sein. Niemand fragt nach der Rechnung, während der Teller noch voll ist. Schon gar nicht nach der Vollkostenrechnung. Die Frage ist eigentlich nur, wie viel man gefressen haben muss, um sich etwas Moral leisten zu wollen. Na gut, es gibt noch eine zweite Frage: Warum haben ausgerechnet die Vollgefressensten unter uns oft am wenigsten für Ethik übrig? Macht Sodbrennen egoistisch?

Viele sind jetzt natürlich überrascht: Karin Keller-Sutter (KKS) wurde nicht allein aufgrund ihrer zwei X-Chromosomen in den Bundesrat gewählt. Sie ist auch eine Vertreterin der Freisinns. Sie würde sicher darauf hinweisen, dass sie in erster Linie Vertreterin des Volkes ist. Das stimmt jedoch nicht, denn KKS misstraut dem Volk. Sie fürchtet, dass das Volk die hängige «Konzernverantwortungsinitiative» (KVI) annehmen könnte. Deshalb muss ein Gegenvorschlag her. Daran hat in den vergangenen Monaten zwar schon das Parlament gearbeitet, nur ist der Frau KKS noch nicht verwässert genug.

Ursprünglich hatte der Bundesrat die KVI ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung empfohlen, das Parlament hat sich dennoch daran gemacht, einen Plan B aufzuzeichnen –der im besten Fall die Initianten dazu bewegen könnte, die Vorlage zurückzuziehen. Überraschend hat nun die Wiler Eiskönigin eine bundesrätliche Pirouette hingelegt und ist mit geschliffenen Kufen in den laufenden Prozess hineingegrätscht. Nicht aus einer Laune heraus, sondern aus einer Panikattacke: Die Umfragewerte pro KVI sind nämlich erschreckend hoch. Erschreckend für alle Politiker, die immer beteuern, das Stimmvolk entscheide stets weise und richtig – und dennoch überzeugt sind, dass man es vor der eigenen Dummheit bewahren muss.

Die eingereichte KVI will, dass Schweizer Konzerne für skrupellose Geschäfte zur Rechenschaft gezogen werden können. Die freisinnige KKS will, dass Schweizer Konzerne über ihre skrupellosen Geschäfte im Ausland Rechenschaft ablegen müssen. Klingt fast gleich, ist aber was ganz anderes: Anstatt für Menschenrechtsverletzungen und Verstösse gegen internationale Umweltstandards haftbar gemacht zu werden, genügt nach dem neuen Gegenvorschlag der Bundesrätin eine jährliche Hochglanzbroschüre, die aufzeigt, wie glänzend sich Konzern XY weltweit für das Gute eingesetzt hat. Das beruhigt das Gewissen und stützt obendrein das heimische Druckgewerbe.

Es ist nicht überraschend, dass die KVI der global operierenden Schweiz AG ein wenig Unbehagen bereitet. Obwohl die Initiative die kleinen und mittleren Unternehmen ausdrücklich nicht im Visier hat, sondern auf die Grosskonzerne abzielt. Jene Grosskonzerne, die zusammen mit unserem Land gross und erfolgreich geworden sind. Und jene Grosskonzerne, die in jüngerer Vergangenheit nur ihren Steuersitz in unser Land verlegt haben, weil sie hier attraktive Bedingungen angetroffen haben. Allen gemein ist, dass ihnen etwas abhandenkam, was sich exakt in der Mitte des Wortungetüms KVI versteckt: die Verantwortung.

Verantwortung ist eine schöne Worthülse für Hochglanzbroschüren. Die heutigen Konzernchefs kennen sie auch nur von ihrer PR-Abteilung. Sie sind nicht mehr die Patrons alter Schule, sondern selbst Angestellte, Karrieristen, die für ihre Aktionäre den Gewinn und für sich selbst die Lohntüte optimieren – und die längst wieder weg sein werden, wenn nach dem Fressgelage die Schlussrechnung präsentiert wird. Während die KVI will, dass die Moral endlich Teil der Fresskosten wird, will KKS das Volk überzeugen, dass Moral ein freiwilliges Trinkgeld bleibt. Sie meint sicher jene Freiwilligkeit, die auch im eigenen Land bewirkt hat, dass wir ganz ohne Gesetze zum Schutz von Arbeitnehmern und Umwelt auskommen.

Am Ende hat das Volk zu entscheiden, ob es auf den einen oder anderen Gruss aus der Küche verzichten mag und dafür auf den einen oder anderen Ruf aus der Palmölplantage, Kobaltmine oder Billignäherei hören will. Bis dahin könnten wir ja jedes Fressen mit einem Glückskeks beenden, dessen Zettel mit Kants kategorischem Imperativ bedruckt ist: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Wer den Satz richtig zu Ende denkt, kriegt gewiss auch ohne Fressgelage sein Sodbrennen.

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