Die letzten Leihkinder

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 30.08.2019

Die letzten Leihkinder
(Nebelspalter)

Wir haben uns die Welt nur von unseren Kindern geliehen. Das ist ein Satz, wie er uns gerne auf WhatsApp begegnet, oder auf Facebook. Hübsch eingemittet, in Schnörkelschrift und mit sentimentalem Bild hinterlegt, welches man im Supermarkt auch unter «Grusskarten blanko» findet. Sonnenuntergang. Morgentau. Marienkäfer. Doch wir haben ein Problem. Die Leihfrist läuft aus.

«Kinder an die Macht», so verbaleruptierte Herbert Grönemeyer schon vor 30 Jahren. Nun ist es so weit. Generation Greta mag gar nicht mehr erst warten, bis sie selbst der postpubertären Gleichgültigkeit der Eltern anheimgefallen ist. Die geburtenreichen Jahrgänge haben erst gerade begonnen, an unsere Schulhauspforten zu klopfen. Es droht die Umvolkung von innen, wie heute ein ganz gewöhnlicher Generationenwechsel genannt wird. Allein in Freiburg wurden für dieses Schuljahr 10,5 zusätzliche Klassen eröffnet. Wenn schon Klassenbestände Nachkommastellen aufweisen, wundert es auch nicht, dass zunehmend halbe Lehrer im Schulzimmer stehen.

Das Land leidet unter akutem Lehrermangel. Immerhin besteht etwas Hoffnung, dass in Zeiten, in denen man mit eher dürftigem Schulsack ins Lehramt wechseln kann, wenigstens die nationale und internationale Politik ein bisschen von unqualifizierten Klassenclowns entlastet wird.

Es gibt viele ernst zu nehmende Gründe, warum sich kaum mehr genügend Schulpädagogen rekrutieren lassen. Der Beruf leidet nicht von ungefähr unter rekordhohen Burnout-Quoten. Manch ein Lehrköper ist bereits nach wenigen Monaten zum Leerkörper ausgebrannt. Ein Zusammenhang zum Klimawandel – das ist heute wirklich selten – ist bei diesem Phänomen übrigens nicht auszumachen. Bei freitags bestreikten Schulstuben hingegen schon.
Das mutmasslich überlegene Verantwortungsbewusstsein der breit beklatschten Klimajugend wird sich übrigens erst endgültig beweisen, wenn diese am Platz ihrer Eltern angekommen sein wird: Kinder kriegen ist der Klimafaktor Nummer eins. Es wäre somit besser, wir würden uns die Welt nicht von bald acht oder neun Milliarden Kindern leihen, sondern möglichst viel Welt der Umwelt zurückgeben. Aber jetzt versuchen Sie mal, diese Einsicht auf einen hübschen Sonnenuntergang zu texten.

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