Der Stutz gehört den Bergflöhen

Dominic Ledergerber | veröffentlicht am 30.08.2019

Wo kommen wir hin, wenn jeder bierbauchige Mittfünf­ziger mit seinem zweirädrigen Kleinkraftrad den höchsten Berg erklimmen kann, ohne eine kleine Schweissperle zu vergiessen? E-Bikes gehören verboten. Allerdings nützt ein Handelsembargo wenig – wir haben das E-Bike erfunden.

Der Stutz gehört den Bergflöhen
Carlo Schneider |

Wer bei Schönwetter die Strecke zu einem erhöhten Aussichtspunkt unter die Räder nimmt, der sieht sie: Die bierbauchigen Mittfünfziger, die sich selbst verwirklichenden Rentnerinnen, die vom Leben noch nicht genug haben, die faulen IT-Experten, die auf Geheiss ihres Arztes an die frische Luft müssen. Sie alle bewältigen die Höhenmeter mühelos und erst noch in hohem Tempo. Auch sie sind jetzt mit dem Velo da, genauer mit dessen elektrischer Weiterentwicklung.

Nicht mal Trump hilft
Hinter ihnen bilden sich lange Blechschlangen. Kein Autofahrer traut sich zu überholen, und wenn doch, dann nur in weitem Bogen, als würden Radius und Geschwindigkeit korrelieren. In dieses Chaos mischt sich eine kleine Portion Dankbarkeit. Darüber, dass Michael Kutter, der Erfinder des E-Bikes, die gefährlichen Überhol­manöver nicht mehr mitansehen muss: Der Mobilitäts-Tüftler erlag 2015 einem Krebsleiden.

Den Schöpfer des frisierten Velos rechtlich zu belangen und für die Geister, die er rief, zur Verantwortung zu ziehen, wird also nicht funktionieren. Vielleicht müssten Schutzzölle erhoben werden, so wie es US-Präsident Donald Trump mit Mexiko macht, wenn wieder zu viele Einwanderer den Rio Grande durchwaten. Oder gleich ein Handelsembargo verhängen und die Beziehungen mit den Herstellländern auf Eis legen oder ganz kappen.

Nur: In dieser Zwickmühle helfen nicht einmal die radikalen Methoden eines Immobilien-Moguls, der zwischen White House und Golfplätzen pendelt. Schliesslich haben wir das E-Bike selbst erfunden! Michael Kutter war Basler und welchen Wahnsinn seine Erfindung in der Gegenwart umgarnt, konnte der Gute wohl selber nicht vorausahnen.

Breu ohne Lust
Zudem sind Elektrovelos im Trend, eine Tirade auf sie nimmt in Teilen der Be­völ­kerung geradezu blasphemische Züge an. Man müsse ja doch treten, man könne den Antrieb ausschalten, man steige so wenigstens gelegentlich auf das Velo und lasse das Auto stehen – die Argumente der E-Biker sind hinlänglich bekannt.

Für die wahren Bergflöhe, die an Radrennen jeden noch so überhängenden Stutz ohne elektronische Hilfsmittel erklimmen, muss der aufkeimende Volkssport ein Hohn sein. Nur so ist es zu erklären, das der bekannteste aller Bergflöhe all seine Velos verkaufte und schwor, sich nie mehr auf eines zu setzen: Beat Breu gewann an der Tour de France 1982 unter anderem die Bergankunft auf der sagenumwobenen Alpe d’Huez. Gesperrt wurde er später wegen Dopings, für die Bergetappen ein E-Bike zu verwenden, wäre wohl aber auch ihm zu dreist gewesen.

Jetzt krachts
Erst kürzlich berichtete die Kantonspolizei St.?Gallen, dass sich Unfälle mit E-Bikes innert Jahresfrist verdoppelt haben. Und zwar vor allem deshalb, weil E-Biker ihre eigene Geschwindigkeit nicht einschätzen können und
mit Verkehrstafeln oder ähnlichen «Hindernissen» kollidieren. Wie viele Autofahrer nach dem Überholen eines E-Bikes ein noch schlimmeres Schicksal ereilte, ist nicht übermittelt.

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