Spaltitis

Ralph Weibel | veröffentlicht am 07.08.2019

Wir sind gespalten. Täglich, immer und überall. Dieser Eindruck überkommt mich beim Lesen einer Sonntagszeitung. In den vergangenen Jahren ist spalten zur universellen Metapher von allem verkommen, das mehr als eine Meinung hat, also zwei.

Spaltitis
Nebelspalter | (Nebelspalter)

Im Wahljahr spaltet die Klimafrage die FDP, Flugscham spaltet die Maturareisenden, Klimademos spalten sich in diejenigen, welche die Alten gerne mitlaufen lassen und solche, die den langjährigen Klimasündern gerne die Köpfe spalten würden. An jeder Abstimmung spaltet der Röstigraben die Schweiz. Frankreich spaltet sich an der Frage, ob ein Wachkomapatient sterben darf, Italien am Umgang mit Flüchtlingen, EU-Schulden, der Mafia und, ach was, Italien ist eine einzige Spalte. Deutschland spaltet die Merkel-Nachfolge, Ibiza spaltet Österreich, England spaltet der Brexit, Brüssel das Rahmenabkommen mit der Schweiz und als ob damit nicht genug wäre, findet sich ein Rezept für gespaltene Bohnen und ab und an fällt auch noch einer in die immer seltener werdende Gletscherspalte.

Gemeinsam ist all diesen Spalten, dass sie etwas negatives Umschreiben. Dabei gibt es nur eine legitime Berufsgattung, die mit ihrer Tätigkeit nichts entzweit, sondern den Blick auf das Wesentliche ermöglicht, den Nebelspalter.

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