Nebelspalter entschuldigt sich für alles

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 05.07.2019

Nebelspalter entschuldigt sich für alles
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Liebe Leserinnen und Leser

Ich möchte mich bei allen entschuldigen, die ich mit meiner unüberlegten Äusserung verletzt habe. Sollten Sie sich wundern, wofür ich mich noch vor der ersten richtigen Zeile entschuldige, fangen Sie am besten nochmals oben an. Denn die gedankenlose Anrede schliesst nicht nur sämtliche Angehörige der 58 weiteren LGBT-Geschlechteridentitäten aus, sondern auch alle 500 000 Schweizer Analphabeten sowie 7,49 Milliarden nicht deutschsprachige Mitmenschen weltweit.

Zudem möchte ich mich bei allen entschuldigen, die ich mit meiner nächsten leichtfertigen Äusserung beleidigt habe, indem ich eine halbe Million Schweizer Analphabeten nannte, obwohl Schulabgänger mit funktionaler Lese- und Schreibschwäche als Illettristen bezeichnet werden.

Nein, die Welt ist nicht komplexer geworden. Sie war es schon immer. Kompliziert geworden sind aber die Sprache, die Bilder und die Gedanken, mit denen wir versuchen, uns untereinander über diese Welt zu verständigen. Dies, obwohl ein gewisses Mass an Vereinfachung die Voraussetzung ist, uns überhaupt darin zurechtzufinden. Wenn Klein Emma zum ersten Mal auf eine Früchteschale zeigt und die Birne stolz als «Apfel» bezeichnet, können wir uns entweder darüber freuen, dass ihre innere Sprachlandkarte bereits Obst von Beeren unterscheiden kann – oder ihr eine Ohrfeige verpassen, weil sie die hierzulande gängigen 80 Handelssorten Äpfel und Birnen noch immer nicht auf die Reihe kriegt. (Ich distanziere mich zudem umgehend von jeglichen Körperstrafen an Kleinkindern.)

Besonders kompliziert geworden ist es für alle, die mit Unschärfen, Doppeldeutigkeiten und Anspielungen gezielt arbeiten: Karikaturisten etwa. Überzeichnen, weglassen, neu verknüpfen: Das ist die Essenz des Humors – und mancher überraschenden Einsicht. Nur vergeht uns langsam das Lachen. Was nicht 100 Prozent korrekt ist, wird vermehrt mit aller Kraft wegempört.

Der Comiczeichner Ralf König muss in Brüssel ein jahrelang nicht beanstandetes Wandbild übermalen, weil es plötzlich rassistisch und schwulenfeindlich sein soll. Die ‹Süddeutsche› entlässt nach einem Antisemitismus-Shitstorm ihren langjährigen Hauskarikaturisten, weil er in einer Zeichnung u. a. stereotyp den Davidstern anstelle der israelischen Flagge (Davidstern zwischen zwei blauen Balken) verwendet hat. Die renommierte ‹New York Times› kippt nach einem ähnlichen Vorfall gleich sämtliche Cartoons aus dem Blatt. Das tragische daran: Es geht nicht nur ums Lachen. Wer einer Gesellschaft die Bilder verbietet, statt sie stets aufs Neue zu diskutieren und zu bewerten, führt sie nicht in eine progressive Zukunft, sondern Hunderte von Jahren in die Vergangenheit. Frohe Restgegenwart!

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