Jetzt gehts erst richtig los

Ralph Weibel | veröffentlicht am 05.07.2019

Die Schweizer Politik öffnet mit dem Vaterschafts-Urlaub die Büchse der Pandora. Schon formieren sich hinter den Kulissen Interessenvertreter unterschiedlichster Couleur. Offen ist die Frage, weshalb nur frischgebackene Väter vom Sozialstaat profitieren sollen. Voraussichtlich müssen sich der Bundesrat und das Parlament schon ziemlich bald mit weiteren Forderungen beschäftigen. Der ‹Nebelspalter› gibt einen exklusiven Einblick in die anstehenden Begehren.

Jetzt gehts erst richtig los
Marina Lutz | (Nebelspalter)

Balkonier
Die aus Mangel an einem Vaterschaftsurlaub nur von Müttern grossgezogenen Kinder, die den Erwachsenen jetzt mit Klimademos die Hölle heiss machen, treiben immer mehr Menschen dazu, Ferien auf Balkonien zu geniessen. Um dennoch ein mediterranes Ambiente schaffen zu können, mit Topfpflanzen, die regelmässig gewässert werden müssen, fordert die Vereinigung der Balkonier einen Pflanzengiess-Urlaub von Juni bis September. Unterstützt werden die Etagen-Kleingärtner von den Schrebergärtnern, die im Frühling einen zusätzlichen Jät-Urlaub fordern, und den Einfamilienhausbesitzern, die sich für einen Thuja-Zurückschneide-Urlaub aussprechen, und dem Verein für mehr Biodiversität. Bekämpft werden die Vorschläge von Anbietern von Billigflugreisen.

Kynologen
Wer sich schon einmal so einen herzigen kleinen Welpen angeschafft hat, versteht den Vorschlag nach einem Hunde-Urlaub der kynologischen Vereinigung Schweiz. Gerade in den ersten Wochen brauchen die Viecher besonders viel Betreuung. Studien belegen einen jährlichen volkswirtschaftlichen  Schaden im dreistelligen Millionenbereich für zerbissene Schuhe, zerkratzte Polstergruppen, herabgerissene Vorhänge und vollgepisste Perserteppiche von allein gelassenen Junghunden. Eventuell kommt es zu einer Koalition mit den Katzenfreunden Schweiz, die zusätzlich einen Wanted-Schnurrli-Urlaub für die Suche und das Anbringen von Vermisstenzetteln fordern für die blöde Katze, die wieder nicht nach Hause zurückgefunden hat.

Pink Cross
Besonders delikat ist das Anliegen der Organisation Schwuler in der Schweiz. Im Hinblick auf die dereinst mögliche Elternschaft fordert Pink Cross einen Rollenfindungs-Urlaub. In diesem soll geklärt werden, welcher Vater die Mutter ist, die als Leihmutter das gemeinsame Kind austrägt und somit als Vater Anspruch auf den Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen hat, während der nominelle Vater nach zwei Wochen wieder malochen muss, sich im Sinne der Gleichstellung aber mindestens so als Mutter fühlt wie der Vater, der eigentlich die Mutter ist. Unschwer zu erkennen, dass das richtig schwierig ist. Einfacher ist es bei lesbischen Paaren, die sich den ge­forderten Still-Urlaub teilen wollen, wenn sich beide als Mutter fühlen. Wenn eine Mutter der Vater sein will, sagt sie das einfach nicht und pro­fitiert so wenigstens vom Mutterschaftsurlaub. Bekämpft werden die Begehren von Andreas Glarner, der die Orientierung vollends verloren hat, weil die LGBT-Leute für die 25. Zurich Pride im vergangenen Juni die Quai-Brücke in Gay-Brücke  umbenannten.

Kabelsalat
Die fortschreitende Technisierung bringt ein neues Phänomen hervor, welchem die «Vereinigung Entwirrung» mit dem PC-Urlaub begegnen will. Zwar konnte ein Teil des Pro­blems schon mit Bluetooth gelöst werden, dafür akzentuieren sich die Schwierigkeiten beim Downloaden und Installieren von Programmen. Eine ETH-Studie zeigt, dass nach dem Kauf eines neuen Computers min­destens sieben schlaflose Nächte nötig sind, bis die WLAN-Verbindung steht und das Mailprogramm tadellos funktioniert.  

Game of Thrones
Was nützt der grenzenlose Zugang zu bekloppten Serien von privaten Streaming-Anbietern, wenn danach die Zeit fehlt, acht Staffeln «Game of Thrones» oder «House of Cards» ohne Unterbrechung zu sehen? Serienjunkies fordern deshalb einen Net­flix-Urlaub für Neueinsteiger.

Billy
Wer je ein Möbel eines schwedischen Grossverteilers eigenhändig zusammengeschraubt hat, weiss, einen Tag braucht man schon, um alles auszupacken und die Tausend Einzelteile zu sortieren. Unterstützt wird die Forderung eines IKEA-Urlaubs von psychiatrischen Notfalldiensten, die besorgt den Anstieg von Einlieferungen hyperventilierender Heimwerker feststellen. Vereinzelt neigen diese zu gewalttätigen Übergriffen innerhalb der Familie.

Literatur
Lesen bildet bekanntlich. Deshalb werden noch immer viele Bücher verkauft, oder auf den E-Reader heruntergeladen, wenn man diesen zum Laufen gebracht hat (siehe Kabelsalat). Vielen literarischen Werken widerfährt allerdings das erbärmliche Schicksal, nie fertig oder überhaupt nicht gelesen zu werden. Die Autoren fordern deshalb einen Bücherwurm-Urlaub. Unterstützt wird dieser vom Verband der Schweizer Medien.

Ferienplanung
Zu guter Letzt beansprucht die Planung von Ferien, in Zeiten von Flug­scham und Nachhaltigkeit, immer mehr Zeit, die im Alltag fehlt. Höchste Eisenbahn für die Einführung eines Urlaub-Urlaubs.

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