Fünfzig Jahre Woodstock

Thomas C. Breuer | veröffentlicht am 05.07.2019

Woodstock wird nun auch schon fünfzig: Gefeiert wird das vom 16. bis 18. August 2019 auf dem Automobilkurs von Watkins Glen. Die Überlebenden der original Woodstock Nation sollen sich dann wieder auf dem geheiligten Boden im Staate New York versammeln unter dem Motto «Trau keinem unter 80!»

Fünfzig Jahre Woodstock
Dave Granlund | (Nebelspalter)

Von der Originalbesetzung fehlen seit Längerem Topstars wie Janis Joplin und Jimi Hendrix. Die Grateful Dead sind tot und weite Teile der Canned Heat eingedost. Ten Years After, damals schon zehn Jahre unterwegs, firmieren jetzt natürlich unter Sixty Years After. Mit dem Rock’ n’ Rollator unterwegs ist der unverwüstliche Pete Townshend von den Who, dem bekanntlich sein Herzenswunsch «Hope I die before I get old» leider versagt geblieben ist. Woodstock 50 soll weit mehr Original-Interpreten enthalten als die 30er-Version.

Nicht wenige Bands sollen zwangswiedervereinigt werden. Das bedeutet z.B. Reunions für Sly & The Family Stone aus Resozialisierungsgründen und für Country Joe & The Fish, die von der amerikanischen Steuerbehörde IRS zur Bühne gebeten werden. Eines der Highlights: Crosby minus Stills minus Nash minus Young. Andere Formationen bringen ihre Anwälte mit. Für ihn wird wohl Bob Dylan einspringen, mit einer kleinen Einschränkung allerdings: Der World Wildlife Fund hat ein absolutes Mundharmonikaverbot durchgesetzt, damit in der benachbarten Fauna die Waschbären oder Halskopfadler von einer vollständigen Traumatisierung verschont bleiben.

Als Sensation darf auch das einzige Konzert der Creedence Clearwater Revival Revival Band bezeichnet werden. Nicht bestätigt haben sich hingegen die Fusionierungsgerüchte von Fleetwood Mac mit den Restbeständen der Golden Girls. Headliner des Festivals soll die eigens reanimierte Band Jefferson Wheelchair sein. Obwohl verschiedene Mitglieder längst verschieden sind, ist der revolutionäre Geist der Gruppe keineswegs in Pension gegangen, noch immer fordern sie in ihren Liedern zum senilen Ungehorsam auf und machen sich so zum Sprachrohr der Generation «75 plus».

Zur Erinnerung für die Jüngeren: Woodstock 1969: der vollkommene Triumph des Jimi Hendrix. Was Schimanski (Schimmi) gelegentlich mit Wohnungstüren machte, veranstaltete Big Wuschel mit seiner Gitarre. Er hat dieses Instrument revolutioniert, umdefiniert, abgeflämmt und sowieso ganz andere Saiten aufgezogen. Durch ihn fand die Gitarre weltweit als Brennelement, Tennisschläger, Hammer, Campingaxt, Pürierstab und sogar Musikinstrument (!) Verwendung. Hendrix war der Erste, der mit einer Gitarre nuscheln konnte und en passant das Feedback salonfähig machte. Als er seine Gitarre zum ersten Mal in Brand steckte, blieb der Fachwelt die Spucke weg: Dichte Rauchschwaden hüllten den Meister ein, und keine sechs Jahre später wurde die Nebelmaschine geboren. Woodstock hat die Weichen gestellt für die letzten fünf Jahrzehnte. Das Paarungsverhalten der Woodstock Generation war wegweisend bis zur Erfindung von Aids. Woodstock erschuf die Schlammschlacht (Slam Poetry), brachte den Mitgliedern der «ersten Nationen» bei, wie man Regen durch einfache Gesänge in die Schranken weist, und kreierte den berühmtesten Verkehrsstau in der Geschichte der Vereinigten Staaten, einen blechernen Lindwurm, an dem sich alle Nachfahren bisher haben messen lassen müssen.

Zahlungskräftige Sponsoren wie Co­rega Tabs, Alzheimer International und ein namentlich nicht genannter Knoblauchmogul mindern 2019 das finanzielle Risiko der Veranstalter, die zuversichtlich hoffen, dass es nirgendwo zu Herzrhythmusstörungen kommt. Deswegen finden die Konzerte in einem gigantischen Sauerstoffzelt statt. Geplanter Höhepunkt der drei tollen Tage: Joan Baez, langjährige Mutter Theresa der Woodstockgeneration, soll endlich zur Folk Queen Mum befördert werden. Das Line-up wurde bestückt mit rüstigen Künstlern wie Miley Cyrus, Jay-Z und The Killers.

Während bei früheren Woodstock-Memorials einhundert Tauben aufstiegen als Symbol für den Frieden, werden beim Original-Woodstock-Festival 2019 etwa hundert taube Rockmusiker aufspielen. Schwer zu sagen, ob die Sache Erfolg hat. Spätestens beim nächsten runden Ju­biläum im Jahre 2034, wenn Woodstock in Rente geht, werden wir wissen, ob der Geist von Woodstock nicht doch nur ein armseliges Gespenst ist.

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