Die Pferdeschwänze kommen

Ralph Weibel | veröffentlicht am 05.07.2019

Wir befinden uns im Jahre 2019 n.Chr. In Europa ruht der Spielbetrieb … In ganz Europa? Nein! Unbeugsame Frauen treten in Gallien gegen den Ball und schreien nach Aufmerksamkeit.

Die Pferdeschwänze kommen
Burkhard Fritsche | (Nebelspalter)

Für einen Fussballfan sind sie echt hart, die ungeraden Jahre. Im Mai enden die Meisterschaften in den europäischen Fussballigen und spätestens nach dem Champions-League-Final gehen die Flutlichter aus. Bis August, oder, wenn man schwei­zerisch bescheidenere Ansprüche hat, Mitte Juli. Das wochenendliche Ritual droht durcheinanderzugeraten. Doch es dringt ein Licht aus den Katakomben der Fussballstadien. Es ist Frauen-WM in Frankreich. Vor dem Anpfiff flimmert ein provokativ-witziger Werbespot eines Sponsors der deutschen Fussballerinnen über den Flachbildschirm. Kernaussage: «Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze.» Tatsächlich hüpfen während der Spiele pferdeschwanz­gebundene Haare hin und her. Doch das ist bei Weitem nicht das Interessanteste.

Trotzdem unerträglich
Was die Frauen auf dem Platz zeigen, hat Qualität, der Unterhaltungswert ist nicht geringer als bei Lugano gegen Sion, Zweikämpfe werden hart geführt, trotzdem wälzen sich Frauen nicht halb so lang wie Neymar am Boden und sie widerlegen, dass Reden weiblich ist. Während die Herren der Schöpfung bei jedem Einwurf ihre tätowierten Arme verwerfen und mit aufgerissenen Augen ihr Verbaldefizit ausgerechnet mit dem Schiedsrichter zu kompensieren versuchen, akzeptieren die Frauen die meisten Entscheidungen. Sie zeigen Respekt vor ihren Gegnerinnen und damit auch vor den Zuschauern. Leicht euphorisch müsste man sagen: Es macht Spass, zuzusehen. Das Produkt Frauenfussball hat Potenzial. Trotzdem sind die Übertragungen unerträglich. Abgesehen davon, dass rund um Sportveranstaltungen ohnehin zu viel gelabert wird, dreht sich die Berichterstattung endlos um Gleichstellung. Die Lohnklage der Amerikanerinnen gegen ihren Verband, das Kaffeeservice der deutschen Frauen bei ihrem ersten EM-Titel 1989, Däninnen, die ein Quali-Spiel boykottierten und wie viel Messi mehr verdient als Marta. Die Begehrlichkeiten muss man ernst nehmen oder meinetwegen erika.

Einfach mal einschalten
Doch müssen die Frauen dafür jammern wie ein grippekranker Mann? Das verdirbt die positive Ausstrahlung des WM-Turniers und nutzt sie nicht zur Eigenwerbung. Der monetäre Wert muss mit Begeisterung erarbeitet werden und daran arbeiten die Spielerinnen auf dem Feld erfolgreich. Wenn es noch eines Beweises bedarf, einfach mal einschalten. Am 7. Juli ist Anpfiff zum WM-Final.

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