Wilde im Palasthotel

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 03.05.2019

Die deutsche Sprache gilt als kompliziert. Dabei weist sie auch einige simple Besonderheiten auf. Die Vorsilbe «un-» verleiht dem daran gekoppelten Wort zum Beispiel meist eine eher unerfreu­liche Bedeutung: Unfall, Unwetter, Ungerechtigkeit. Was jedoch bei all den Unwörtern äusserst selten vorkommt: dass es den Begriff ohne Vorsilbe gar nicht mehr gibt. Ist Ihnen der Ausdruck «Geziefer» schon mal begegnet? Unwahrscheinlich. Was Mutter Natur mit sechs bis hundert Beinen ausgestattet hat, gilt seit Menschengedenken als Ungeziefer. Jedenfalls, wenn man der Spezies nicht den gesammelten Blütennektar klauen kann.

Wilde im Palasthotel
Silvan Wegmann | (Nebelspalter)

Erfreulicherweise beginnt sich der negative Blick auf das Reich der Gliederfüsser langsam zu verändern. Im Zuge unseres ambitionierten Jahrhundertprojektes, unsere Umwelt in eine Unwelt zu verwandeln, haben wir etwas festgestellt: Das ganze Getier hat der alte Mann mit dem weissen Bart im Buch Genesis nicht nur dafür geschaffen, um es uns nach der Sonntagsausfahrt rituell von der Frontscheibe kratzen zu lassen. Nein, da steckt tatsächlich mehr dahinter. Wo es nicht mehr kreucht, vermelden Forscher alarmiert, fleucht es auch kaum mehr. Manche Käferart, welche in finaler Richtung von der Roten Liste gekrabbelt ist, wurde völlig unerwartet von irgendwelchen Vogel-, Amphibien- oder Pflanzen­arten begleitet. Das Artensterben läuft gewissermassen als Drei-für-eins-Aktion. Man ahnt, worauf es hinausläuft: Ohne erfolgreiches Gegensteuern dürfte in einem der künftigen Aktionspakete auch die Unart Mensch mitenthalten sein.

Glücklicherweise gibt es sie, die Gegenstrategie. Sie nennt sich Biodiversität und hat bereits einen charakteristischen architektonischen Baustil hervorgebracht: das Insektenhotel. Ein gutes Insektenhotel ist das zentrale Baudenkmal eines artenreichen Gartens, dessen ungemähte Wildblumenwiese den bünzligen Millimeterrasen oder den kahlen Steingarten des Nachbars so lange mit Samen versorgt, bis auch dort die Herausforderung angenommen wird.

Denn wer der Natur Gutes tun will, muss nicht auf Prestige und freundnachbarschaftlichen Wettbewerb verzichten: Insektenhotels gibt es inzwischen in dutzend­facher Ausführung, von der Billigunterkunft bis zum Prachtbau für mehrere hundert Franken. Wer bereits beim Modell «Palast» mit Platz für 2500 Wildbienen, Marienkäfer und Ohrwürmer angelangt ist: Wie siehts mit Nisthilfen für Schwalben, Mauersegler und Fledermäuse aus? Und: Endgültig zur Gallionsfigur der Biodiversität können Sie aufsteigen, wenn Sie künftig nur noch auf ÖV setzen, aber Ihrem Hausmarder ein neues Auto in den Hof stellen. Auf gehts! 

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