Julian Assange

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 03.05.2019

Früher war nicht alles besser, aber vieles einfacher. Herrscher herrschten, Hofnarren narrten und Sendboten boten sich an, einen Kopf kürzer gemacht zu werden, wenn sie eine unliebsame Nachricht überbracht hatten. Julian Assange, der der Welt unter anderem die schlechte Nachricht über­brachte, dass «God’s own country» im Irak und in Afghanistan ziemlich gottlos getötet und gefoltert hat, wäre im Alten Rom umgehend Löwenfutter geworden, statt sieben Jahre in der ecuadorianischen Botschaft in London vor einem Teller Meerschweinchen-Ragout schmoren zu müssen.

Julian Assange
Michael Streun | (Nebelspalter)

Das uralte Brauchtum des toten Boten, im angelsächsischen Raum klangvoll «Kill the messenger» genannt, ist freilich nicht ausgestorben, sondern nur über die Generationen hinweg verfeinert worden: Postboten werden vom Hund gebissen, wenn sie Mahnungen überbringen, und Fernseher aus dem Fenster geschmissen, wenn das eigene Team den entscheidenden Gegentreffer kassiert. Es verwundert also nicht, wenn die Amis das Eigentor von Abu Ghraib nicht als gesühnt ansehen können, solange Wikileaks-Frontmann Julian Assange nicht in einem fairen Schauprozess abgeurteilt werden konnte.

Auch wenn die Weltöffentlichkeit zwischenzeitlich ihr Interesse an der Partie verloren hatte: Dass dieses Spiel noch nicht zu Ende sein konnte, war eigentlich klar. Nun sitzt Assange in einem Hochsicherheitsgefängnis, das als britisches Guantanamo gilt. Eine Unterkunft, die sich angesichts des offiziellen Haftgrunds «Verstoss gegen die Kautionsauflagen» eher überambitioniert ausnimmt,  wären da nicht die Auslieferungsbegehren aus den USA und Schweden, die nach Assanges Verhaftung wieder reaktiviert oder aus dem Hut gezaubert wurden.

Mit Assanges Abgang kann die Botschaft Ecuadors eine Asylstatistik vorlegen, die einem Andreas Glarner Tränen der Rührung in die Augen schiessen lässt:  ein einziger Gesuchsteller in sieben Jahren, der am Ende auch noch erfolgreich zurückgeschafft wird. Tja, Julian, da hat der politische Wind in Quito halt zwischenzeitlich gedreht. Auf das Asylrecht war allerdings noch nie besonders Verlass. Das war schon beim grossen Bruder des Botschaftsasyls, dem Kirchenasyl, nicht anders. Dessen Geschichte ist ebenfalls eine des Niedergangs. Kaum vorstellbar, dass das Konzil von Clermont anno domini 1095 das Asylrecht nicht nur für Kirchen und Kloster vorsah, sondern offiziell auf die Um­gebung von Wegkreuzen ausdehnte.

Hätte Ecuador sein diplomatisches Asyl 2012 auf die Umgebung von Meerschweinchen ausgedehnt, wäre Assange vielleicht mit einem Nagetier unter dem Arm die Ausreise aus Grossbritannien geglückt, um in einem Land Zuflucht zu finden, das stolz auf seine humanitäre Tradition ist und im Namen der Freiheit immer wieder politisch Verfolgten einen sicheren Hafen geboten hat. In diesem Land hätte Assange sich dann mit anderen Verfolgten treffen und austauschen können, etwa dem Whistleblower Edward Snowden, der dank des diplomatischen Geschicks des Landes in einem plombierten Zug von  Moskau nach Zürich hätte ausreisen dürfen.

Das ist natürlich alles Kokolores. Diplomatischer Schutz für Verfolgte ist eine reichlich naive Vorstellung. Diplomatischer Schutz für Verfolger ist da schon realistischer. Etwa, um mal eben mit der Knochensäge im Gepäck einen Regimekritiker kleinzukriegen. Oder  um nach Jahrzehnten der Diktatur seine eigene Auslieferung nach Den Haag zu verhindern. Auch hierzulande sind die Whistleblower unangenehmer Wahrheiten weiterhin schlechter geschützt als die Kakofonisten unrealistischer Wahlversprechen: 246 Politiker geniessen jeweils für vier Jahre unter der Bundeskuppel parlamentarische Immunität während ihrer wundersamen Wandlung vom Volks- zum Interessenvertreter.

Die höheren Interessen unseres Landes und seiner Verbündeten – anstelle des naiven Gerechtigkeitsempfinden des Volkes – sind es denn auch, die uns unbeteiligt werden zusehen lassen, wenn Julian Assange in den nächsten Monaten ausgeliefert werden sollte, oder wenn Edward Snowdens Aufenthaltsgenehmigung als Zeichen einer russisch-amerikanischen Entspannung 2020 nicht mehr verlängert wird. Einige gezielt unappetitliche Gerüchte über den einen wie den anderen werden reichen, um uns sagen zu lassen: Man muss das Werk und seinen Urheber voneinander trennen können. Darin haben wir inzwischen richtig Übung.

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader