Carte blanche

Lisa Catena | veröffentlicht am 03.05.2019

Carte blanche
Nebelspalter |

Dominic Deville als Bildungsminister? Gardi Hutter als Kulturmi­nisterin? René Rindlisbacher als Verkehrsminister? Klingt komisch, könnte aber schon bald Realität werden. Der Trend ist klar – Komiker drängen in die Politik! Aktuellstes Beispiel: Wo­lo­dymyr Selenskyj, ein TV-Komiker, hat die Wahl ins Präsidentenamt der Ukraine gewonnen. Ganze 39 Mitbewerber hat er dabei abgehängt und selbst der bisherige Präsident Poroschenko hatte am Ende überhaupt nichts mehr zu Lachen.

Der Vorreiter dieses Trends war Italien: Komiker Beppe Grillo führte seit 2009 die Movimento Cinque Stelle erfolgreich ins Parlament, wo sie jetzt neben Salvini mit­regieren darf. Wenigstens ein bisschen. In Island erheiterte Komiker Jón Gnarr die Reykjavíker als deren Bürgermeister, indem er ihnen unter anderem einen Eisbären für den Zoo und «ein drogenfreies Parlament bis 2020» versprach. Für den Nachbarn Deutschland bespasst Martin Sonneborn von der «PARTEI» aktuell das Europaparlament.

Falls Sie das jetzt empörend finden und argumentieren, Komikern fehlen jede politi-sche Erfahrung und Fachkompetenz, muss ich Ihnen leider sagen, haben Sie den Zeit-geist gehörig verschlafen. Nichts können oder wissen ist heute kein Hinderungsgrund mehr. Im Gegenteil, der Dilettant ist all­gemein auf dem Vormarsch. Wenn Sie im Mediamarkt ein Gerät kaufen, weiss das Verkaufspersonal dort auch nicht mehr zwingend Bescheid über elektronische Geräte. Bei H&M kriegen Sie auf die Frage «Haben Sie diese Hose auch in Grün?» schon mal die Antwort «Da müssen Sie im Internet nachschauen». Auch in den Medien hat sich der Stümper längstens durchgesetzt: Ob Rahmenabkommen mit der EU, Epiney-Heiratsantrag oder Klima-Jugend: Nicht nur jeder D- bis Z-Promi wird im ‹Blick› dazu befragt, in der Kommentarfunktion können auch Verena Lüthi aus Oberpfupfigen und Heiri Huber aus Hinterfultigen ihren Senf dazugeben. Warum auch nicht? Kommentieren kommt schliesslich nicht von Können.

Der Homo dilettantus ist schon längst in der Mitte unsererGesellschaft angekommen. Dilettarsi kommt übrigens von dem lateinischen Begrifff delectari, was in etwa so viel bedeutet wie sich erfreuen oder sich ergötzen. Das ist ganz schön interessant, nicht? Aber Achtung, mit diesem, eben erworbenen Latein-Wissen sollten Sie besser nicht hausieren gehen. Sonst gelten Sie nämlich schnell einmal als elitäres Miststück. Und das zieht heute soziale Ächtung nach sich. In Zeiten von Gilets jaunes stehen Sie schneller im Verdacht, eine Elite­Sau zu sein, als Sie «Gelbweste» buchstabieren können.

Wenn Sie auf einer Party Heidegger zitieren, rücken die Gäste peinlich berührt von Ihnen ab, aber wenn Sie sagen: «Heidegger? Für einen Walliser Wein finde ich ihn ganz gut», wird man Sie mögen. Ob Sie schon erfolgreicher Dilettant sind, können Sie ganz einfach herausfinden: Wenn Sie wissen, wo bei «Dilettant» das Doppel-T hinkommt, dann sind Sie keiner. Arbeiten Sie dran.

Komiker in der Politik sind also eine logische Folge. Erleichternd kommt hinzu, dass die Grenzen fliessend geworden sind: Politik ist so sehr zur Lachnummer verkommen, dass Komiker quasi nahtlos anknüpfen und von den Bühnenbrettern geradeaus aufs politische Parkett spazieren können. Das Wenige, was sie dafür können müssen, ist die regelmässige Bedienung eines Twitter-Accounts. Rechtschreibung ist dabei nett, aber glücklicherweise keine Voraussetzung mehr. Die zweite wichtige Fähigkeit: einhändig smalltalkend einen Plastik-Apéro-Teller mit integriertem Glashalter zu balancieren, ohne dabei den billigen Champagner zu verschütten. Insofern, gewählt sind: Deville, Hutter, Rindlisbacher!

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