Arachnophobie

Ralph Weibel | veröffentlicht am 03.05.2019

Arachnophobie
Petra Kaster | (Nebelspalter)

Da steht er vor dem Grünzeug, das seinem zivilisatorischen Rundumschlag gegen die wildernde Bio­diversität zum Opfer gefallen ist. Don Quijote gleich, in blutiger Schlachtekstase, hat er mit seiner Bosch-Heckenschere ein botanisches Massaker um sein Haus herum ver­anstaltet. Er ist den Worten der Bibel in Kapi­tel 1, Vers 28 der Genesis gefolgt und hat sich die Erde untertan gemacht. Rosen, Buchen, Eiben oder Zypressen, nichts blieb verschont. Nur, wo soll er hin mit dem geschlagenen grünen Monster? Ein netter Herr beim Entsorgungsamt weist am Telefon darauf hin, man könne Schnittgut auf einer Deponie entsorgen. Leider fährt der Held des Kahlschlags weder einen Pick-up, noch besitzt er einen Traktor mit Anhänger.

Rücksitze runter
Doch ein richtiger Kleingärtner wäre kein richtiger Kleingärtner, wenn er dieses Problem nicht lösen könnte. Bevor die eigene Frau etwas bemerkt, zerrt er ein frisch gewaschenes Fix-Leintuch von der Wäscheleine. Er klappt in seinem Kleinwagen die Rücksitze runter, klemmt das Leintuch bei den hinteren Türen ein, spannt und fixiert es mit zwei Klammern. Bevor die Frau «Bist du wahnsinnig» schreien kann, liegen die ersten vegetarischen Kadaver im Auto. Er stopft und quetscht, Äste brechen. Die Ladung kann sich sehen lassen. Bis zum letzten Kubikzentimeter ist das Auto vollgestopft.

Auf dem Weg zur Deponie setzt sich ein seines Lebensraums beraubter Marienkäfer auf das Lenkrad. Er freut sich darüber, nimmt ihn auf  den Finger und lässt ihn zum Fenster hinaus. Soll ja schönes Wetter geben, wenn man einen Marienkäfer fliegen lässt. Vor einem Lichtsignal krabbelt etwas seinem Hals entlang unters Hemd. Er schlägt wild um sich und überfährt die Kreuzung bei Rot. Derweil kämpft sich eine Schnecke an der Kopfstütze des Beifahrersitzes hoch. Vom Innenspiegel seilt sich eine Spinne ab. Bevor ein Igel unter dem Sitz hervorkriecht oder ein Amsel-Pärchen mit dem Nestbau beginnt, erreicht er die Deponie und lädt das Grünzeug aus.

Am anderen Morgen zerschlägt sich die Hoffnung, mit dem Grünzeug wäre das ganze Getier aus dem Auto entfernt worden. Hinter der Fahrertüre und vor dem Kleingärtner hängt eine dicke Spinne in ihrem Netz. Kunstvoll hat sie dieses zwischen Fahrersitz und Frontscheibe gespannt. Gut kann das seine Frau nicht sehen. Beim Anblick von Spinnen pflegt sie hohe Schreie auszustossen. Er greift beherzt zu und wirft die Spinne aus der Garage. Beim Zurücksetzen fällt ihm auf, dass die fette Spinne nicht als einzige sein Auto als neuen Lebensraum ausgewählt hat, nachdem ihr alter von Don Quijote zerstört worden war. Am Rückspiegel, der Handbremse, zwischen den Kopfstützen, an der Sonnenblende und selbst über dem Tachometer finden sich fein gesponnene Netze mit den dazugehörigen Spinnen. Was unter dem Sitz los ist, wagt er sich nicht vorzustellen.

Terrarium
Nun soll man keine Spinne töten, das soll einen Streit mit dem Ehepartner oder eine böse Schwiegermutter bescheren. Die Idee, mit einem Staubsauger die Arachniden einzusammeln, fällt demnach weg. Er beschliesst, den Insekten ihr Leben zu lassen, und sein Auto wird sozusagen ein mobiles Terrarium. Das hat Vorteile. Seine Frau weigert sich, ins Auto zu steigen, und er hat das Gefühl, nachhaltig etwas für den Umweltschutz getan zu haben.

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