Gehirnwäsche

Ralph Weibel | veröffentlicht am 24.04.2019

Gehirnwäsche
Aaron Gruber |

Kürzlich stand ich mit meinem gelben Einzahlungsbüchlein an einem Postschalter an. Ich hoffe, Sie erholen sich wieder aus Ihrer Schockstarre. Ja, ich bezahle noch analog. Vor mir wurde eine ältere Dame bedient, die sich angeregt mit der Angestellten über den Erlös ihres Kuchenverkaufs unterhielt. Sie schienen sich zu kennen. Schön, dachte ich, aber ich sollte langsam, könnten die Damen vielleicht etwas den Betrieb aufrecht halten? Ich hielt meine Ungeduld mit der Einsicht unter Kontrolle, dass genau das der Grund ist, weshalb man am Schalter einzahlt: soziale Kontakte. Die ältere Kundin hatte sich für heute die Antidepressiva gespart und genoss das Gespräch, bevor sie sich wortreich verabschiedete.

Mich schaute die Schalterangestellte verwundert an, oder viel mehr mein Einzahlungsbüchlein. «Haben Sie sich nie überlegt E-Finance zu machen, das spart Kosten?» Für die Post, dachte ich und fragte meinerseits, ob sie sich bewusst sei, dass sie sich mit dieser Frage grad wegrationalisiere? Sie schaute mich verwundert an. Ich wiederholte. Sie mache doch einen wichtigen Job, sagte ich. Doch offensichtlich war sie gehirngewäscht. Jetzt warte ich darauf, bis mich beim Grossverteiler die erste Kassiererin fragt, ob ich nicht Self-Scanning machen will. Schade.

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