Pfeifen

Ralph Weibel | veröffentlicht am 10.04.2019

Im blühenden Kirschbaum vor meinem Fenster hat sich ein Vogel niedergelassen. Offen hörbar ein Männchen. Er spürt den Frühling und pfeift unablässig.

Pfeifen
Aaron Gruber | (Nebelspalter)

Einige Vögel tirilieren und jubilieren auf der Suche nach der Gunst der Weibchen und lösen bei uns im Frühling eine wohlige Zufriedenheit aus. Keine Ahnung, was für ein Vogel bei mir sitzt. Fest steht, er hat den Gesangsunterricht geschwänzt. Schrille Pfiffe stösst er aus, um nicht zu sagen Schreie, die im Ohr einen Tinnitus verursachen. «Blöder Kerl», denke ich. «Bei deinem Talent wirst du ein ewiger Single bleiben.» Er scheint das zu wissen. Seine Schreie nach Liebe gehen durch Mark und Bein und sie werden immer verzweifelter. Was hat sich die Natur nur dabei gedacht? «Ob er andere Talente hat?», überlege ich mir. Vielleicht ist er ein besonders guter Jäger, Sammler oder Nestbauer. Nützt aber alles nichts, wenn der arme gesangstalentfreie Vogel keine Vögelin findet.

Die Natur ist grausam. Während sich die einen bei ihrer Balzerei auf die Virtuosität ihres Gesangs verlassen können, schreit sich der arme Kerl auf meinem Kirschbaum die Seele aus dem Leib. Scheint aber auch zu funktionieren. Er wird eine Partnerin finden, sonst wäre er längst ausgestorben. Es sei ihm zu gönnen. Und mir auch. Dann herrscht endlich wieder Ruhe vor meinem Fenster.

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