Mein Goldhase

Mein Goldhase | veröffentlicht am 05.04.2019

Endlich ist es so weit! Zwei Monate habe ich darauf gewartet. Böse Menschen würden vermuten, dass ich meinen Goldhasen einfach so schlachte und esse. Nein! Dazu habe ich ihn viel zu lieb, denn beim genauen Hinschauen ist es eine Häsin.

Mein Goldhase
Wolf Buchinger | (Nebelspalter)

Ihre schönen Augen schauen so raffiniert, wie es nur Frauen können, ihr süsses Stupsnäschen verführt zum Küssen, ihr rotes Samthalsband mit dem leisen Glöcklein trägt sie verführerisch, und wenn man nach unten schaut: Ihr Becken ist sehr, sehr weiblich. Sie ist ein Unikat, auch wenn ich sie aus Dutzenden Goldhasen im Januar herausgefischt habe, unsere Blicke haben sich getroffen und ich war wie vom Blitz ge­troffen, in sie verliebt. Sie hat mich drei Monate lang begleitet, ich habe sie überall­hin mitgenommen, heimlich in der Laptop-Tasche ins Büro, nachts stand sie auf dem Nachttisch, nur auf dem WC habe ich sie etwas weiter weggestellt. Es blieb natürlich nicht bei Blicken. Bald haben wir uns geduzt: «Sag einfach ‹Daisy› zu mir.» Manchmal habe ich sie an mein Herz gedrückt, sie ist dabei sehr schnell weich geworden und hat ganz warm bekommen, wodurch ihre Haut etwas runzlig wurde, was ich als emotionalen Vorteil betrachte, denn ältere Frauen sollen ja die besseren sein.

Und endlich ist Ostermontag! Der Tag der Wahrheit. Daisy will es auch so, sie wehrt sich nicht und geniesst, wie ich sie langsam ausziehe. Zuerst lege ich den Halsschmuck ab, küsse ihren wunderschönen nackten Hals, den kaum jemand sieht. Dann lege ich sie sanft auf die Seite, chräbbele mühsam dieses dumme weisse Schild mit ihrem Haltbarkeitsdatum ab, merke mir ihre Produktionsnummer L3628.12 für das ewige Gedenken an sie und komme dann zum Wesentlichen: Die Goldfolie sanft und gaaanz langsam abziehen. Welch ein Gefühl! Ihr sonnengebräunter Unterteil wird herausgeschält, ihre zarten Füsschen freigelegt und – huch! – dann kommt ihr Schwänzlein an die Reihe. Den Rest mache ich aus Pietätsgründen mit geschlossenen Augen: Ich schäle liebevoll die rechte Seite, die linke etwas durch die Wärme verschrumpelte, und dann spüre ich vorne diese sanfte Erhebung, quasi das zweite Gesicht einer Frau. Es folgt der Hals und seit Jahren weiss ich, dass bei den beiden süssen geteilten Ohren meine Ekstase zu Ende ist.Mein Lapin d’Or ist blutt, splitternackt. Es folgt ein Finale, wie es nur zwischen Liebenden möglich ist. Ich zerschlage nicht ihren zarten Körper, wie es alle so brachial machen. Ich nehme erst ihre Ohren in den Mund, warte, bis sie geschmolzen sind, und schiebe genüsslich den ganzen Körper hinein, stets mit langem Warten, bis die Teile geschmolzen sind. Mit dicken Backen murmele ich dann unter Tränen: «Bon voyage, chérie Daisy!», und schlucke sie runter.

Niemand nimmt so würdevoll Abschied von seinem Osterhasen. Meine Trauerzeit dauert immer bis zum nächsten Januar.

Artikel erschienen in der Ausgabe

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