Mit Einstein auf der Überholspur

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 01.03.2019

Mit Einstein auf der Überholspur
Silvan Wegmann | (Nebelspalter)

Liebe Leserinnen und Leser,

der ‹Nebi› trägt als Satirezeitschrift die Zeit grundsätzlich in der Produktbezeichnung, aber erst die Diskussion über die Abschaffung der Sommerzeit hat uns dazu bewogen, dieses hochkomplexe Phänomen einmal eingehend zu beleuchten. Wussten Sie etwa, dass die «Urstunde» nicht wie das Urkilogramm und der Urmeter in Paris festgelegt wurde, sondern von Albert Einstein in Bern definiert worden ist – als die Zeit, die ein Einheimischer durchschnittlich vom Käfigturm bis zum Zytglogge benötigt?

Wie relativ Zeit sein kann, war natürlich schon lange vor Albert Einstein bekannt, aber erst das Jahrhundertgenie hat unser subjektives Empfinden in belastbare Wissenschaft überführt.

Das vielleicht Faszinierendste an Einsteins Relativitätstheorie ist: In einem Raumschiff, das sich nahe an der Lichtgeschwindigkeit bewegt, vergeht die Zeit langsamer als zum Beispiel auf dem Heimatplaneten. Erst jetzt wurde erkannt, dass die so­genannte Zeitdilatation auch auf der Erde selbst beobachtet werden kann. Beispiel: Weil die Gehirne von 83 Millionen Deutschen täglich mit rund 250 Stundenkilometern über die Autobahn bewegt werden, ist deren kognitive Entwicklung noch zu wenig weit fortgeschritten, um die ökologischen und sicherheitsrelevanten Vorteile eines Tempolimits zu begreifen.

Einen ähnlichen Effekt habe ich kürzlich selbst auf der Schweizer Autobahn erlebt: Am Ende einer Fahrt durchs Mittelland, die gefühlt nur rund zwei Stunden gedauert hatte, stieg ich völlig verdutzt in einer Gegenwart aus, in der sich die FDP vom notorischen Klimakiller zum politischen Arm der streikenden Notstands-Jugend gewandelt hatte. Unfassbar, welche gravierenden politischen Umwälzungen stattgefunden haben müssen, während ich nichts ahnend in meiner rollenden Zeitkapsel sass.

Meistens befinden wir uns als Beobachter jedoch in jenem Teil des Zeitparadoxons,
in dem fernab der Lichtgeschwindigkeit die Zeit ganz normal tickt. Eindrücklich zeigt sich das mit Blick auf die katholische Kirche: Im Vatikan bündelt sich so viel Licht, dass seine Einwohner im Dialog mit Gott die Kirchengeschichte als pure Hektik erleben, während ausserhalb Jahrzehnte und Jahrhunderte verstreichen. So wird auch verständlich, warum man das Verbot der Priesterehe nicht einfach über den Haufen werfen kann, wenn man den Zölibat doch erst gerade anno 1022 eingeführt hat.

Egal, wie schnell bei Ihnen die Zeit verstreicht: Viel Spass mit der Märzausgabe und auf Wiederlesen in relativer Kürze!

 

 

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