Gerold Biner

Ralph Weibel | veröffentlicht am 01.03.2019

Gerold Biner
Michael Streun | (Nebelspalter)

Das autofreie Zermatt hat endlich einen Weg gefunden, seinen öko­logischen Fussabdruck zu vergrös­sern. Dass dabei der Tourismus, und damit die Wirtschaft, angekurbelt wird, ist ein willkommener Nebeneffekt. Allerdings stellt Gerold Biner, CEO der Air Zermatt, die neue, wirtschaftsliberale Öko-Partei von Petra Gössi vor eine Zerreissprobe. Die FDP-Präsidentin will die Wahlen im kommenden Herbst gewinnen, popularisiert dafür mit Öko-Themen und hat gleichzeitig einen beleidigten Partei-Soldaten im Nacken, der die ganze CO2-Diskussion lieber ins Wasserfallen liesse. Doch dazu später. Held des ökologischen Schwachsinns mit Hertz ist Gerold Biner, CEO der Air Zermatt. Zumindest finanziell potente Touristen sollen künftig mit einem Luxus-SUV (Schweiz ultimativ versauen) nach Raron im Oberwallis brettern, von wo sie mit einem Helikopter der Air Zermatt zum Matterhorn geflogen werden. Alleine der Name des Vermieters, des für den im Nahkampf gegen die Natur geeigneten Geländewagens, geht einem ans «Hertz».

In Unkenntnis der Sachlage liesse sich für uns Üsserschwizer vermuten, nur Schotterpisten führten über Stock und Stein, «embri und embrüf» ins Oberwallis. Ist aber nicht so. Die Zivilisation ist weiter fortgeschritten als befürchtet. Es gibt sogar im hintersten Chrachen schon Elektrizität, die unter anderem dazu genutzt wird, die Mobilität in Zermatt aufrechtzuerhalten. Doch darin liegt ein Teil des Problems. Hinterwäldler haben immer das Gefühl, sie würden von irgendetwas ausgeschlossen. Das ist tief in der DNA des Wallisers verankert und hat Menschen wie Sepp Blatter, Christian Constantin oder Gerold Biner hervorgebracht. Immer das Gefühl, nicht mitmachen zu dürfen. Die ganze Welt spielt Klimawandel und das Wallis hat Zermatt! Was gibt es Schlimmeres, als bei der Vernichtung der eigenen Gletscher untätig zuzusehen, ohne etwas beizutragen? Jetzt springt Zermatt wenigstens mit einem Luxus-Angebot auf den Klimawandelzug auf.

Die SUVs sind übrigens nicht zur Bezwingung von Steigungsprozenten im Einsatz. Vielmehr sollen sie garantieren, dass dieaktiven Ökobilanz-Versauer sich einer neuen Herausforderung stellen können. Dem Durchpflügen und Plätten von sich zusammenrottenden Jugendlichen, die, unter dem Vorwand des politischen Aktivismus, die Schule schwänzen und den Verkehr lahmlegen. So wird einerseits die Zahl der Spassbremsen reduziert und die Gefahr gebannt, dass die Hälfte der Maturanden ein Logopädie-Studium absolviert und danach versucht, den Wallisern das für Üsserschwizer unverständliche «embri und embrüf» endgültig auszutreiben.

So wie überall gibt es natürlich auch im Wallis Neider und Stänkerer. Allen voran die Schweizer Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness, die sich für umweltverträglichen Bergsport einsetzt. Deren Geschäftsleiterin Maren Kern liess sich im ‹Tagesanzeiger› mit den Worten zitieren «Hertz und Air Zermatt helfen mit zu zerstören, wovon sie als Tourismusanbieter leben: die Gletscher und den Schnee.» Etwas kleingeistig findet das Gerold Biner. Für ihn «gibt es keinen besseren Weg, um die einzigartige Schönheit unserer Berge den Gästen von Zermatt näherzubringen.» Das Verhältnis der beiden Bergliebhaber erinnert doch sehr stark an die Interessenkonflikte innerhalb der FDP, der «Fuck de Planet»-Partei, wie sie Michael Elsener in seiner neuen SRF-Sendung ‹late update› nennt.

Ob dies, oder die dauernde Nörgelei wegen des von der wirtschaftsliberalen Partei verwässerten und deshalb letztlich versenkten CO2-Gesetzes, den Ausschlag gab, ist offen. Jedenfalls hat Parteipräsidentin Petra Gössi eine Kehrtwende gemacht und setzt im Wahljahr plötzlich auf Umweltthemen. Das mutet etwas komisch an. Vergleichbar mit der Vorstellung, der in Raron, ja, da wo man mit dem SUV hinbrettert, bevor man in den Heli umsteigt, aufgewachsene Rainer Maria Salzgeber würde ohne Umweg über einen Logopäden von der Sportredaktion des Schweizer Fernsehens zum Literaturclub wechseln.

Genauso irritiert ist Christian Wasserfallen über den Entschluss seiner Partei-Chefin, die FDP-Wählerbasis zu einer Kurskorrektur zu befragen. Inhalt der Frage: «Wollt ihr den totalen Kapitalismus?» oder «Wollt ihr vor dem Klima kapitulieren?» 60?000 Franken kostet die Aktion und treibt Wasserfallen die Tränen in die Augen. Mit diesem Geld könnte er rund 36 Mal mit Gerold Biner embrüf zum Matterhorn fliegen.

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