Maske runter

Roland Schäfli | veröffentlicht am 01.02.2019

Fastnachtslarven sind nur ein lustiger Abgesang des Originalzwecks der Maskierung: der Täuschung. Unser entlarvender Blick auf die Geschichte zeigt, dass die meisten Historiker sich von historischen Maskenträgern täuschen liessen.

Maske runter
Vladimir Kazanevsky | (Nebelspalter)

Der Begriff der Maske, vom arabischen «mashara» abgeleitet, bedeutet eigentlich Hänselei, was hinreichend erklärt, wie Araberinnen mit Burkas  in der Schweiz den Gesetzgeber ärgern. Daneben fanden Masken schon immer Verwendung in Ritualmorden und anderen Kulturanlässen.

Staatlich verordnet
Manchen Trägern ist die Verkleidung zur Berufsausübung vorgeschrieben. Die Schweizer SUVA hat einen ganzen Vorschriftenkatalog zum Arbeitsschutz. So übten staatlich diplomierte Henker ihr Amt unter dem Per­sö­nlichkeitsschutz einer schwarzen Haube aus. Manchmal, als ein Zeichen der Verbundenheit, setzten sie auch dem Verurteilten eine schwarze Maske auf. Die Augenbinde, die vor dem Erschiessungskommando zu tragen Pflicht war, war nicht, wie gemeinhin von Historikern angenommen, zum Schutz des Unglücklichen gedacht (was diesem auch kaum viel genützt hätte), sondern als Schützenhilfe, war man doch darauf gedrillt, auf ein rundes schwarzes Ziel zu feuern.

Historiker liessen sich lange davon täuschen, dass die Kriminellen des Wilden Westens ihr Gesicht mit dem Halstuch bedeckten. Wie neueste Recherchen zeigen, ging es etwa Jesse James nicht darum,  unerkannt zu bleiben (tatsächlich brüstete er sich ja mit seinen Taten), sondern sich mit dem Nastuch vor Pollenflug zu schützen. Postkutschenraub ist ein Berufsrisiko für Allergiker, die in der blühenden Prärie arbeiten. Als in Wildwest ein Vermummungsverbot durchgesetzt wurde, sank die Zahl der Verbrechen fast augenblicklich, ein Vorgang, den die Schweizer Gesetzgeber nun im Zusammenhang mit Terroristen in Burkas zu wiederholen wünschen.

Tränen in den Augen
Wer Maskierungen konsequent zu ihrem geschichtlichen Ausgangspunkt verfolgt, stellt zum Beispiel fest, dass die Maske des Zorro unter Degenfechtern derart populär war, dass die Sportler bis heute eine Maske tragen. Und die Halbmaske, die in früherer Zeit als Mode-Utensil die Haut eleganter Damen vor der Sonnenstrahlung schützte (wenigstens die obere Hälfte, die untere war sonnenverbrannt), wurde in der Neuzeit abgelöst von der Atemschutz-Maske, vor allem von Asiaten getragen, die sich gegen Emissionen zu schützen wünschen (wenigstens die untere Hälfte, oben tränen die Augen im Smog). Die als «Ku-Klux-Klan»  bekannte Interessengemeinschaft im amerikanischen Süden kam, wiederum als erste, auf die Idee, dass einfache Bettlaken zur Gaukelei taugen, was einem bei Nacht durchaus einen Schreck einjagen kann.

Die vielleicht berühmteste Maske hatte das «Phantom der Oper» auf, um sein entstelltes Gesicht zu verbergen. Psychologen fragen sich bis heute, warum dann die Maske noch gruseliger war als dessen eigentlicher Anblick? Unter diesem Gesichtspunkt war es nur eine Frage der Zeit, bis Masken auch in der Filmgeschichte eine Rolle spielten. Die wohl ikonischste Maske wurde von einem Schauspieler getragen, der trotz des Welterfolgs von «Krieg der Sterne» selbst unbekannt blieb. Seine darstellerische Leistung unter der kübelförmigen Haube, unter der er nur schwer atmen konnte, wurde bis heute nicht hinreichend gewürdigt.

Tierischer Deckmantel
Edgar-Wallace-Fans der ersten Stunde werden sich an den wohligen Schauer erinnern, den «Der Frosch mit der Maske» verbreitete. Tatsächlich finden sich im Tierreich nicht nur Frösche, sondern zahlreiche Geschöpfe, denen die Evolution ein Deckmäntelchen anlegte, insbesondere fette Viecher am unteren Ende der Nahrungskette. So sorgt etwa eine Kopfzeichnung dafür, dass ein Kopf grösser und damit bedrohlicher wirkt. Ein Effekt, den sich Frauen zu eigen machen, was gemeinhin zum übermässigen Einsatz von  Make-up führen kann.


Der gefleckte Jaguar verschwindet vor einem Laub-Hintergrund, ein nützlicher Vorteil, der ihm in einem Zoo vor grauem Hintergrund freilich abhandenkommt. Das Zwerg-Seepferdchen seinerseits verschmilzt auf Korallen so geschickt, dass es auch von Forschern nie gesichtet wird, weshalb man nicht weiss, ob seine Art schon ausgestorben ist oder ob es sich einfach verdammt gut versteckt. Der Riesige Weissfuss, eine Eulenart, hat die Fähigkeit, mit einem Baum zu verschmelzen. So wartet er unheimlich unsichtbar darauf, dass jemand unter dem Baum durchgeht, den er mit einem «Uhu!» erschrecken könnte.

Der Stein-Fisch, immerhin giftigster Fisch der Welt, lebt in den Farben des Riffs bedrohlicherweise eben auf Riffen und tötet eine Person, die auf seine Rückenflossen tritt, innert zwei Stunden. Experten raten daher dazu, nur auf seinen Bauch zu treten. Besonders originell getarnt hat sich die «ägyptische Ziege». Weil sie tatsächlich eine Vogelart ist, fällt sie niemandem auf, der am Boden nach etwas Meckerndem sucht. Doch kaum ein Tierchen beherrscht dieses Pläsierchen besser als der Gemeine Raupen­baron: Dieser Schmetterling kann mit einheimischen Pflanzen verschmelzen und sich vollständig im Grünen auflösen, ein biologischer Prozess, den Veganer genauso anstreben. Um unter Wasser unentdeckt zu bleiben, haben Taucher den Unterwassertierchen abgeguckt, eine Tauchmaske zu tragen.

Politische Tarnung
Auch die Menschenart des Politikers hat sich den chamäleonhaften Tarnungsvorgang in der Evolutionsgeschichte nach und nach angeeignet. Geschützt glaubt sich, wer sich der Farbe seiner Umgebung anpassen kann, was der Grund ist, warum FDP-Mitglieder Krawatten tragen. Hölzerne Politiker wiederum imitieren den Gecko, der sich im Augenblick grosser Gefahr den Anschein eines Baumstamms gibt.

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