Kamele für Neuseeland

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 01.02.2019

Immer, wenn ich zu Jahresbeginn den Zinsabschluss meines Sparkontos überfliege, freue ich mich darüber, dass wenigstens dieser Teil von mir schlank und rank geblieben ist. Man muss das positiv sehen. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel, das wussten schon die Erfolgsautoren Markus, Lukas und Matthäus.

Kamele für Neuseeland
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Als Superreicher will man ja auch gar nicht dauerhaft in den Himmel, man durchquert ihn lieber streckenweise. Vorzugsweise mit dem eigenen Privatjet, um zum Beispiel von Davos zurück zu seinem Geld nach Barbados zu fliegen. Oder auf sein verstecktes Landgut in Neuseeland. Da, wo sich tausende Multimilliardäre ihr nettes, kleines Reduit erstanden haben, um ein bisschen «weg vom Schuss» zu sein, sollte es bald zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft und zum erwarteten Aufstand der Massen gegen die Masslosen kommen.

Satte 2,5 Milliarden Dollar, rechnet der jüngste Oxfam-Bericht vor, wird das vermögendste Prozent des Planeten derzeit reicher – täglich. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung verliert bloss 500 Millionen – ebenfalls pro Tag. Eine Schere, die sich seit Jahren weiter öffnet. Bevor die Globalisierung 4.0 so richtig Fahrt aufgenommen hat, steht das Kamel-Gleichnis 2.0 längst fest: Eher passt ein Armer durch ein Nadelöhr, als dass er reich wird. Das Kamel kann übrigens auch aus der Mittelschicht stammen.

Sogar WEF-Zeremonienmeister Klaus Schwab hat inzwischen erkannt, dass die «Welt am Scheideweg» steht. Das ist eine Formulierung, die immerhin den Optimismus impliziert, wir hätten noch eine Wahl am Wegkreuz. Bundesrat Ueli Maurer, heuer offiziell der Erste unter Gleichen, propagierte auf dem Davoser Zauderberg denn auch das Mittel seiner Wahl: «Mehr Dialog zwischen Elite und Bevölkerung!» Aufmerksamen Lesern dürfte der subtile Gehalt der Aussage nicht entgangen sein: Die Elite versteht sich schon lange nicht mehr als Teil der Bevölkerung. Schnittmenge null.

Da ist Dialog natürlich ein feiner Ansatz. Suchen Sie das Gespräch mit dem Geldadel! Passen Sie die Leader der ‹Bilanz›-Liste ab – vor der Oper, auf dem Golfplatz, im Luxushotel. Keine falsche Scheu vor fehlenden Themen. Helfen Sie den Superreichen zu sparen!  Wer seit Jahren mit dem Frust lebt, dass die eigenen Milliarden von Negativzinsen zerfressen und die Steuerschlupflöcher immer kleiner werden, hat sicher ein offenes Ohr für das kleine, zinsfreie Darlehen, das Sie benötigen. Wer die dräuende Apokalypse auf seinem Landgut in Neuseeland zu überdauern plant, freut sich gewiss über einen Gärtner/Koch/Chauffeur, mit dem er ab und zu ein wenig Schweizerdeutsch plaudern kann. Alles wird gut!

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