Der Mann

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 01.02.2019

Es gibt zahllose Hollywoodstreifen, deren deutscher Filmtitel so richtig verunglückt ist. Man könnte allein damit ganze Videotheken (zeitgemässer: Cloudserver) füllen. Übelsetzungen wie «Der Morgen stirbt nie» (‹Tomorrow never dies›) oder «Frankie und seine Spiessgesellen» (‹Ocean’s Eleven›) sind einfach nur verstörend. Aber wenigstens nicht verheerend. Ganz im Gegensatz zu manchen Werbeslogans.

Der Mann
Michael Streun | (Nebelspalter)

«Gillette – the best a man can get» hat dreis­sig Jahre Männerrasur geprägt: klare Ansage, eingängiger Endreim. Völlig anders der deutsche Slogan. Mit «Für das Beste im Mann» wurde Generationen von Gesichtsbehaarten suggeriert, eine kräftige Keratinproduktion in der unteren Gesichtshälfte sei die erfreulichste Eigenschaft männlichen Daseins. Eine Eigenschaft, die dennoch täglich durch ein ebenso komplexes wie teures Klingensystem glatt gesäbelt werden muss. Logisch, nicht?

So richtig geschnitten hat sich Gillette nun aber mit dem jüngsten Marketingstreich: Mit dem abgewandelten Slogan «The best men can be» springt die US-Firma auf den globalen #MeToo-Zug auf. In einem über 26 Millionen Mal betrachteten Videoclip wird «der neue Mann» propagiert, der überall da einschreitet und schlichtet, wo testosterongeflutete Geschlechtsgenossen gerade im Begriff sind, ihren üblen archaischen Machismo und Sexismus auszuleben.

Für Zigtausende von Männern war der Clip der berühmte Tropfen, der den Rasiertiegel zum Überlaufen gebracht hat. Jetzt isses aber auch mal genug mit dem ganzen neofeministischen Männerhass! Was folgte, war der heute übliche virale Shitstorm (deutscher Titel: ‹Das Fäkalunwetter, das aus dem Netz kam›). Unter erzürnten Männern machten Boykott­aufrufe die Runde, Twitter wurde mit Aufnahmen geflutet, die demonstrativ im Mülleimer entsorgte Gillette-Produkte zeigen.

Nicht wenige Herren der Schöpfung erleben den Gillette-Spot als weiteres Scharmützel in einem laufenden Kreuzzug gegen die Männlichkeit. Seit Jahren schon ist der stereotype Mann die einzige Figur, über die man sich in Zeiten humorbefreiter Political Correctness noch uneingeschränkt lustig machen kann. Jeder TV-Werbeblock ist ein Stelldichein tumber, unbeholfener, peinlicher Väter, Ehemänner, Arbeitskollegen oder anderer Hodenträger.  Der ‹Ärzte›-Song «Männer sind Schweine» brachte es auf Platz 1 aller deutschsprachigen Hitparaden. Ein Charterfolg wie «Weiber sind Säue» würde es auf mindestens drei neue Gleichstellungsbeauftragte pro 10'000 Einwohner bringen.

Kommt dazu: Jene Aspekte des Mannseins, die gemäss dem neuen Katechismus der Gendergerechtigkeit nicht mit Selbstironie und Slapstick gesühnt werden können, sitzen erst recht auf der Anklagebank. Ist denn der Mann, beim Barte der Proleten, wirklich für alles Übel in der Welt verantwortlich? Die Antwort lautet: Ja. Jedenfalls meistens. Und: Jedenfalls unmittelbar. Dennoch ist die Realität komplexer als das PR-Pathos zeitgeistiger Gillete-Videos und das Schwarz-Weiss hitziger Genderdebatten.

Die Emanzipation, bestenfalls ein paar Jahrzehnte jung, kämpft gegen Millionen Jahre Evolution an. Evolution? Das ist doch diese krude Theorie, wonach sich alles in gegenseitiger Abhängigkeit entwickelt hat? Oder wie Schauspielerin Doreen Dietel jüngst im australischen Dschungel schluchzte: «Den einzig richtigen Mann hab ich vergrault, stattdessen hab ich mir immer wieder so Arschlochtypen ausgesucht.»

Genau diese Arschlochtypen, die aktuell gegen den Klingenhersteller und alle anderen «Feminazis» durchs weltweite Netz wutbürgern, sind Beweis genug: Er wird sich nicht von selbst heilen können, der gekränkte Mann. Schon gar nicht, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt. Aber die gute Nachricht ist: Ihr habt es in der Hand, liebe Frauen. Ihr könnt die ganze, fehlgeleitete Männlichkeit auch selbst in die genetische Sackgasse steuern. Gebt Testosteron-Turbos keine Chance mehr. Trefft die richtige Wahl beim Paarungsritual. Schluss auch mit Kuckuckskindern als Folge heimlicher Gelegenheitsficks mit dem «halt irgendwie so scharfen» Bad Boy. Binnen einer Generation kann so die Umgenderung des Mannes Realität sein.

Gillette zählt auf euch! Der Konzern verkauft euch seine frauenspezifischen «Venus»-Produkte schon heute gut doppelt so teuer wie das klassische Pendant. Dem braven, neuen Gutmann der Zukunft wird seine eigene Pflegelinie mindestens ebenso viel wert sein.

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader