Scharlatan

Ralph Weibel | veröffentlicht am 26.12.2018

Erstaunlicherweise wurde im zu Ende gehenden Jahr ein Jubiläum nicht gefeiert: zehn Jahre Finanzkrise. Dabei konnten wir aus ihr lernen, weshalb ein Münzwurf der bessere Finanzberater ist als ein Fonds-Manager.

Scharlatan
Vladimir Kazanevsky | (Nebelspalter)

Hat sich mal wer Gedanken darüber gemacht, woher unser täglich Fleisch kommt? – Genau, aus Zucht und Brutstätten. Solche gibt es nicht nur, um unsere fleischlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Nein, auch für unsere geistigen Höhenflüge gibt es Zucht- und Brutstätten, bekannt als Universitäten. Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen einer Schweinezucht und einer Universität. In einer Schweinezucht lässt man vorne die Sau rein, hinten kommt Schinken raus. Das funktioniert verlässlich. Weniger verlässlich verhält es sich bei Universitäten. Vorne lassen sie einen jungen, hoffnungsvollen Menschen rein und raus kommt ein Scharlatan. Insbesondere bei Wirtschafts-Universitäten. Beweis dafür ist das Jahr 2008. Sie haben uns versprochen, die Weltwirtschaft werde wachsen und fett werden wie eine Mast-Sau. Und was ist passiert? Die Welt schlitterte geradewegs in eine Finanzkrise. Weshalb? Weil wir auf die Scharlatane gehört haben, welche die Zügel der Wirtschaft in der Hand halten.

Per Definition ist ein Scharlatan eine Person, die sich durch Redegewandtheit zu Unrecht den Ruf eines Fachmanns verschafft. Oder wie es Johann Wolfgang von Goethe 1791 definierte: «Nicht selten glaubt der Scharlatan selbst, was er sagt; das lernt er im Laufe seiner Karriere – nicht zuletzt, weil seine Kundschaft ihm fanatisch anhängt. Dabei ahnen alle die Gefahr.» Übrigens stammt der Begriff Scharlatan aus dem Jahre 1713. Er ist eine Verschmelzung des italienischen Ortsnamens «Cerreto», dessen Bewohner im Mittelalter im zweifelhaften Ruf standen, mit Gaukeleien und Betrügereien arglosen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen, und des Worts für schwätzen: «ciarlare». Daraus entstand «ciarlataneria», oder zu gut Deutsch: Scharlatan.

Nun, wen kümmerts, was vor über 300 Jahren war? Es bedarft wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse, um die These zu belegen, die meisten Finanzexperten dieser Welt seien Scharlatane. Deshalb hier ein paar Erkenntnisse, die nicht auf spröden Theorien basieren, sondern auf nackten Tatsachen. Im April 2008 wurden Zürcher Studierende aufgefordert, den Kurs der UBS-Aktien vorauszusagen. Selbstverständlich rechnete damals noch niemand damit, dass die Papiere bis zum Jahresende in etwa denselben Wert haben würden wie Toilettenpapier, einlagiges. Um es kurz zu machen, die Studierenden der Literatur, Philosophie oder Medizin schnitten signifikant besser ab als diejenigen der marktbestimmenden Finanz- und Wirtschafts-Wissenschaften.

Zum selben Ergebnis kam schon ein Versuch in Schweden. In der Vorhersage für 20 Wertpapiere kamen Börsenprofis, Finanz-Analysten, Finanz-Berater und Fonds-Verwalter auf eine Trefferquote von lediglich 40 Prozent. Dagegen erreichten die Laien eine Genauigkeit von 50 Prozent. Demnach könnten Sie in Finanzfragen genauso gut eine Münze werfen, ihre Yoga-Lehrerin oder den Briefträger fragen. Die Wahrscheinlichkeit, richtig zu liegen, ist sogar grösser als bei einem Finanzexperten. Seine Fähigkeiten in Sachen Wertpapiere entsprechen noch nicht einmal denen eines Affen. Laut einer Studie der renommierten Cass Business School in London konstruieren Affen Aktien-Indizes besser als Menschen.

Welche Schlüsse, um Gottes willen, müssen aus der Erkenntnis gezogen werden, dass es keine verlässlichen Prognosen gibt und Dilettanten die finanziellen Geschicke der Schweiz, Europas, ja der ganzen Welt leiten? Genau! So weitermachen wie bisher. Immerhin liegt die zufällige Chance auf Erfolg bei 50 Prozent. Und wenn eine Prognose nicht eintrifft, können wir es auch nicht ändern.

Man könnte sich einzig überlegen, wie die Menschheit vor den Scharlatanen geschützt werden könnte. Es sei hierfür auf eine Methode aus dem Mittelalter verwiesen. Damals wurde jemand, der mit falschen Versprechungen hausierte, auf dem linken Oberarm gebrandmarkt.

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