Ab in Deine Zone!

Ralph Weibel | veröffentlicht am 13.12.2018

Haltet dem Raucher die Mütter mit Kindern, Hündeler, Pensionäre und zerfetzte Hosen-Träger vom Leib!

Ab in Deine Zone!
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Die SBB hat beschlossen, Raucher an ihren Bahnhöfen einzuzonen, also eigentlich auszugrenzen. Angesichts der weltweit grassierenden Grenzziehungswut nur logisch. Jeder gehört dahin, wo er eben hin gehört. Und der Raucher gehört in ein Quadrat. Mit gelber Farbe auf den Boden gemalt. Ziel ist es, die nicht rauchende Bevölkerung zu schützen. Ein löblicher Gedanke.

Erstaunlich ist der missionarische, um nicht zu sagen sektiererische Eifer, wenn es um den Schutz der Nichtraucher geht. Fast entstünde der Eindruck, das rauchende Subjekt sei die grösste Geissel der Menschheit. Im Streben nach endloser Glückseligkeit reicht es aber nicht, nur den Raucher vor sich selbst und die Umwelt vor ihm zu schützen. Um allen Menschen gerecht zu werden, müssten die SBB noch viel mehr Zonen schaffen. Weshalb dürfen mir beispielsweise Mütter mit ihrem Babygeschrei gefüllten Kinderwagen im Wege stehen, wenn ich auf der Suche nach einer Raucherzone das Perron rauf und runter hetze? Wer schützt die gestresst pendelnde, arbeitende Bevölkerung vor quengelnden Kindern, die zumindest so viel Stress verursachen wie das Kreischen der Intercity-Bremsen? Ab in eine Zone mit euch! Am besten nicht nur in eine auf den Boden gemalte, sondern eine mit schalldichten Wänden.

Mal abgesehen davon, dass schon fraglich ist, weshalb Hunde in öffentlichen Verkehrsmitteln geduldet werden, wo sie ihre Schnauze jedem x-beliebigen Menschen in den Schritt drücken, nachdem sie diese zuvor an der frischbepissten «Blick am Abend»-Box gerieben haben. Wenigstens verschwinden diese pinken Blechkisten demnächst. Auf dem freien Platz liesse sich prima eine kynologische Zone auf den Boden malen. Da gehört ihr hin! Sitz! Platz! Aus! So liessen sich auch einige Oberschenkelhalsbrüche verhindern, weil die mit Treckingstöcken bewaffneten, Rucksack bepackten Pensionäre, auf dem Weg in ihre Zone, nicht mehr auf dem Perron umher mäandern und über die ausziehbaren Hundeleinen stolpern.

Ich freue mich schon darauf, die affektierten Businesswichtigtuer, die in ihre Headsets überlaut Sätze sagen wie «nein, der Termin lässt sich nicht verschieben, am Mittwoch habe ich einen Businesslunch in London», die «ist er nicht süss»-sagenden-Teenies und die «Schatz, haben wir noch Milch im Kühlschrank» Fragenden, in ihre Zone für hemmungslose Quasselstrippen zu verweisen.

Die liegt genau neben der markierten Zone für die olfaktorischen Verbrechen. Aus Platzgründen werden dort die Überparfümierten mit den Gelegenheitsduschern und den Kebab-Essern zusammengefasst.

Für mich persönlich sicher hilfreich ist eine Zone für modisch Entgleiste. Ungezählten Menschen, denen ich jeweils diskret eine Münze zusteckte, weil ich dachte, sie hätten ihre zerrissenen Hosen von der Winterhilfe oder aus einem Texaid-Container gezogen, werden separiert. Endlich weiss ich, wer Penner ist und welcher Arsch in einer 300 Franken teuren, reisswolfgeschundenen Designerhose steckt. Das gesparte Geld spende ich gezielt dem Kinderhilfswerk «Terre des hommes».

Etwas Sorge bereitet mir der Gedanke, ob angesichts der vielen Zonen und den Wegweisern zu diesen, überhaupt noch Platz bleibt für eine Raucherzone, oder ob die vor das Perron verlegt werden muss. Das würde mittelfristig jeden Raucher – und mit ihm das Problem – wirkungsvoller beseitigen, als jede Anti-Rauchkampagne des BAG oder der Lungenliga. Bevor es soweit kommt, mache ich mir meine eigene Raucherzone. Ich gehe nie mehr ohne einen Kübel gelber Farbe und einem breiten Pinsel aus dem Haus. Flugs lässt sich so an jeder Ecke eine Raucherzone auf den Boden pinseln.

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