Tor des Monats: Arno Del Curto

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 07.12.2018

Nach 22 Jahren hat die Davoser Eishockey-Legende genug gefroren an der Bande. Sie zieht sich zurück ins geheizte Rentnerzimmer.

Tor des Monats: Arno Del Curto
Michael Streun | (Nebelspalter)

Del Curto ist furto. Die Nachricht vom Rücktritt des legendären Eishockey-Coaches verbreitete sich wie ein Bandenpass in der Sportwelt. Schnell – aber nicht wirklich unerwartet. Kommentatoren schrieben vom «Ende einer Ära» und würdigten den nachhaltigen Einfluss des scheidenden Trainers auf die Eisgenossenschaft. Als Del Curto im Landwassertal zum ersten Mal sein eigenes Team zusammenstauchen durfte, wurden die Hockeystöcke noch aus den Stosszähnen von im Gletschereis konservierten Mammutbullen geschnitzt und das Sicherheitsdispositiv des World Economic Forum war ähnlich kostenintensiv wie jenes des Rümlanger Weihnachtsmarktes. Will heissen: Für den Trainer eines Schweizer Spitzenclubs sind 22 Jahre eine beachtlich lange Ägide. Rund 400 Kilometer weiter südwestlich im Rhonewassertal erreicht die Amtsdauer eines Nationalliga-Trainers nur vergleichbare Zahlenwerte, wenn sie in Tagen gemessen wird.

Del Curto tritt zur Halbzeit einer verkackten Saison ab: Der erfolgsverwöhnte HC Davos  hat kaum mehr Chancen auf eine Play-off-Qualifikation. «Es war wohl das eine Jahr zu viel. Ich hätte letzten Sommer gehen sollen», vertraute der Scheidende und Scheiternde in Personalunion dem ‹Tages-Anzeiger› an.

Aufzuhören, wenn es am schönsten ist: Warum ist das so schwierig? Warum überhaupt ist das so wichtig? Das Zweite ist schneller erklärt: Weil Menschen kaum besser programmiert sind als jene Dashcams, die immer mehr Autofahrer in ihrem Wagen installiert haben: Ältere Erinnerungen werden ständig von neueren überschrieben, und am meisten Beachtung findet jene Sequenz, die den Unfallhergang zeigt. Konkret: Die Aufnahme, die zeigt, wie das Eis in der Davoser Vaillant Arena immer dünner wird. Der letzte Eindruck ist der bleibende. Deshalb freuen wir uns am Ende eines Katastrophenfilms über das Happy End zweier glückreich Überlebender – und vergessen die Abermillionen Menschen, die in den 90 Minuten zuvor mitleidlos von ausserirdischen Necromongern laserverdampft worden sind.

Der beste Komplize auf dem Weg zu einem erinnerungstechnisch erfolgreichen Karriereabschluss ist auch abseits der Leinwand der dramaturgisch versierte Sensemann.  Marilyn Monroe, John F. Kennedy, Elvis Presley, Michael Jackson, Prince – unsere Erinnerungskultur kennt viele Persönlichkeiten, bei denen ein überraschend frühes Ableben ein umso strahlenderes Andenken bewirkt hat. Nur so ist da keine Dashcam, die das Überschreiten des Zenits, das Verpassen früherer Erfolge, das langsame Verglühen eines sinkenden Sterns dokumentiert.

Doch zum einen ist auf den Sensemann kein Verlass, denn zu gerne würden wir uns heute noch an den jungen Österreicher Postkartenmaler Adolf erinnern, dessen kaum gestartete Karriere 1907 in Wien unter einem durchgebrannten Fiaker-Gespann endete. Zum anderen sprechen durchaus vertretbare, hedonistische Gründe dafür, sich selbstbestimmt vom Politparkett, Hockeyeis oder Fussballgras zu machen, ohne gleich in Letzteres beissen zu müssen. Nur scheitern leider die meisten, die den eigenverantwortlichen Weg beschreiten, darin, den richtigen Zeitpunkt für einen Rücktritt zu finden. Woher soll eine Sonne auch wissen, wann sie aus Sicht des Betrachters am höchsten Punkt erstrahlt? Jetzt ersetzen Sie «Sonne» einfach wahlweise mit Merkel. Oder Federer. Oder der Queen. Nein, Pierre Maudet passt nicht. Der weiss nämlich genau, wann er zurücktreten will. Am 29. Juni 2019, wenn sein achtes Regierungsjahr endet und er anspruchsberechtigt auf eine lebenslange Rente von jährlich 89 161 Franken sein wird, was rund 16 Abu-Dhabi-Flügen First Class entspricht.

Der bis heute unerreichte  Überflieger in Sachen effektvolles Karriereende hat übrigens vor 2000 Jahren gelebt: Die Schaffensperiode Christi dauerte kaum drei Jahre, und erst sein jähes, willentlich in Kauf genommenes Ende hat jene Wirkung entfaltet, die bis heute anhält. Nicht auszudenken, wie sich alles entwickelt hätte, wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben wäre, sondern nach einer Art CO2-Narkose wieder erwachte, sein Grabmal verliess und bis zu seinem natürlichen Tod in Ostsyrien weiterlebte, wie der Historiker Johannes Fried neuerdings behauptet. Dass Totgesagte länger leben, wusste der Volksmund ja schon immer. Das ist auch, zurück in der profanen Sportwelt, tröstlich. Er wird gewiss wieder vom Tabellenkeller auferstehen, der HC Del Curto – pardon: HC Davos.

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