Die Lüge beginnt im Kinderzimmer

Ralph Weibel | veröffentlicht am 07.12.2018

Früher glaubten wir an das, was in der Zeitung geschrieben stand. Doch damit ist längst Schluss. Seit sich über soziale Medien ungefiltert alles verbreiten lässt, erleben Fake News einen Boom und haben mit dem amerikanischen Präsidenten sogar ein Gesicht bekommen. Entsetzlich! Fake News haben eine lange Tradition und ihre Wurzeln liegen in den Kinderzimmern.

Die Lüge beginnt im Kinderzimmer
Marina Lutz | (Nebelspalter)

Soziale Medien sind des Teufels, aber auch teuflisch gut. Sind wir ehrlich, gelogen, bis sich die Balken biegen, wurde schon immer. Nur haben wir es früher nicht so schnell gemerkt. Ungezählte Kriege wurden aufgrund von Lügen oder gefälschten Dokumenten entfacht. Der Zweite Weltkrieg von Adolf Hitler mit dem Angriff auf Polen, George W. Bush gegen den Irak, König Philipp IV. gegen die Tempelritter und Otto von Bismarck gegen Frankreich, um nur ein paar ausgewählte zu nennen. Zudem wurde die Geschichtsschreibung schon immer manipuliert. Che Guevaras Gräueltaten wurden genauso vertuscht, wie Leo Trotzki von Stalin aus Bildern retuschiert. Ein Hobby, welches auch Walter Ulbricht pflegte. Ja, das ist der «Niemand hat vor, eine Mauer zu errichten»-DDR-Parteivorsitzende.

Lückenlose Aufklärung
Aber was sollen die ollen Kamellen?  Es gibt aktuellere. US-Präsident Donald Trump sondert seit seiner Amtseinführung jeden Tag durchschnittlich 7,6 falsche oder irreführende Aussagen ab, wie die Faktenprüfer der renommierten Washington Post analysiert haben. Für diese Zeitung schrieb auch der Journalist Jamal Khashoggi, der dann ungeschickterweise bei einem Besuch auf der saudischen Botschaft in der Türkei in den Häcksler fiel, als gerade 15 Sondereinsatzkommando-Gärtner dabei waren, das herbstliche Schnittgut zu zerhacken. Das bemerkten die Saudis erst gut zwei Wochen nach dem tragischen Unglück. Wenigstens steht einer hin und fordert Aufklärung. Der türkische Sultan Erdogan, bekannt für seine grosszügige Gastfreundschaft. Willkürlich nimmt er Journalisten und politische Gegner in seinen Gefängnissen auf, ohne Anklage. Dieser Erdogan entpuppt sich als Retter der Menschenrechte, indem er von Saudi-Arabien lückenlose Auf?klä…,
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Wenn das so weitergeht, von der Politik überschwappt zu Klimawandel, Glyphosat, Korruption im Weltfussball und Betrügereien in der Autoindustrie, müssen nach dem Lesen dieses Textes grossflächig Antidepressiva verteilt werden.

Schlimmeres verhindern
Erstaunlicherweise liegt die Wurzel des Lügenübels tief in unserer Kindheit. Wir lernen nicht mit der Wahrheit umzugehen, weil wir schon früh angelogen werden. Generationen von Eltern lassen sich beim Betrachten von ein paar unbeholfenen Kritzeleien ihrer ADHS-Kinder zu einem «Jöh, was für eine einzigartige Zeichnung» hinreissen. Dem Kind wird so lange überdurchschnittliches Talent attestiert, bis es selbst daran glaubt. Dabei gleicht die Zeichnung, mit welcher  die letzte Familienwanderung verarbeitet werden soll, eher einem Aufmarsch von grenzdebilen Nazis mit ausgestreckten Armen, weil Kinder immer vergessen, Gelenke zu zeichnen. Oder es nicht können. Aber sollen sie dafür auch noch gelobt werden? Deutsch und deutlich sollte man den Bälgern sagen, wie ein Mensch richtig gezeichnet wird. Also: Strichmännchen-Zeichnung zerreissen und den klaren Auftrag erteilen, nochmals von vorne zu beginnen.

Gerade in diesen Tagen vor Weihnachten und an Weihnachten selber werden unsere Kinder auf die schiefe Bahn gelenkt. An Schul-Adventsfeiern und unter dem Christbaum kreischen kinderhandgeführte Geigenbögen über Saiten, ahmen beim Singen den Tritt auf eine Krähe nach, und falsch gestimmte Gitarren treiben den Verwandten und Besuchern im Pfarreiheim die Tränen nicht aus Rührung in die Augen. Das hat man von den endlosen Motivationslügen. Den Kindern wird so lange eingeredet, sie seien musikalisch, bis sie es glauben. In ihrer unverschuldeten Selbstüberschätzung bewerben sie sich für eine Castingshow und laufen dort grössenwahnsinnigen, solariumgebräunten Typen wie Dieter Bohlen ins offene Messer. Alles nur, weil wir Eltern unseren Dissonanzen schrummenden Kindern nicht die Wahrheit gesagt haben.

Hässliches Kind
Die hässliche Fratze von Schönheitslügen – «jöh, was bist du für ein hübsches Kind» – treibt junge Frauen dazu, sich weibliche Formen zu implantieren und die Lippen aufspritzen zu lassen, bis sie aussehen, als hätten sie mit einer Abrissbirne geknutscht. Alles nur, damit sie sich später, für ein bisschen Ruhm, als Teil einer Frischfleischschar dem «Bachelor» darbieten oder als magersüchtiges Klappergestell vor Heidi Klum paradieren können. Liesse sich verhindern, würde man ehrlich mal sagen: «Jessäs, bist du ein hässliches Kind!»

Es ist schlicht eine Lüge, wenn wir unseren Kindern sagen, sie könnten alles werden, alles erreichen. Das dürfen Eltern nur sagen, wenn sie viel Geld haben. Ganz viel Geld, so wie Fred Trump, der sich sogar erlauben konnte, seinem Sohn den Namen einer Disney-Ente zu geben.

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