Abgedreht

Ralph Weibel | veröffentlicht am 07.12.2018

Selbst wenn man die hellste Kerze auf der Torte sein sollte, gehört der Begriff der Obsoleszenz nicht in den täglichen Sprachgebrauch. Er bleibt im Dunkeln. Eigentlich schade, denn sie begegnet uns in fast allen Lebenslagen. Obsoleszenz ist das geplante Sterben von technischen Geräten oder Dingen des Alltags.

Abgedreht
Sobe (Peter Zimmer) | (Nebelspalter)

Die Wirtschaft will uns weismachen, Obsoleszenz gehöre ins Reich der Verschwörungstheorien. Doch es gibt genügend Belege für Drucker, die nicht mehr so wollen, wie wir wollen, weil ihr Schutzzähler meldet, es wäre an der Zeit, einen neuen zu kaufen. Natürlich sagt er das nicht so, aber er führt uns hinters Licht, bockt, bis wir die Nerven verlieren und einen neuen Drucker kaufen. Nicht austauschbare Handy-Akkus, Betriebssysteme, die sich nicht mehr updaten lassen, und  schnell abgelaufene Sohlen kurbeln die Wirtschaft an und befeuern unsere Wegwerfgesellschaft.  

100-jähriges Licht
Glühendes Beispiel, welches Spiel mit uns getrieben wird, ist das hundertjährige Licht (Centennial Light) in der Feuerwehrwache der amerikanischen Stadt Livermore. Die in den 1890er-Jahren hergestellte Glühbirne brennt seit über hundert Jahren. Unterbrochen nur durch ein paar Stromausfälle und Positionswechsel, letztmals 1976. Für den Umzug in die neue Dienststelle kappte man das Kabel, damit das ewige Licht nicht beschädigt wurde, und transportierte die Birne in einem speziell angefertigten Behälter die zehn Minuten zu ihrem heutigen Standort. In der Feuerwache will man sie nun so lange wie möglich leuchten lassen.

Die fast endlose Funktionalität von Produkten war für die Hersteller von Glühbirnen schon vor bald 100 Jahren eine Horrorvorstellung. In Genf wurde 1924, ausgerechnet am Gedenktag der Erleuchtung durch Christi Geburt, dem leuchtenden Stern von Bethlehem, der den richtigen Weg zeigen sollte, am 24. Dezember, der Grundstein für die Phoebus SA gelegt. Während den Industriebossen ein Licht aufgegangen war, sollte für die Konsumenten vieles im Dunkeln bleiben. Die  führenden Glühbirnenhersteller wie OSRAM aus Deutschland, Philips aus Holland, Vertreter aus Frankreich, Österreich, Ungarn, Grossbritannien und den USA bildeten das erste weltweite (Phoebus-) Kartell. Dieses beschloss, die anfängliche Lebensdauer der Glühbirnen von 5000 Stunden auf 2000 zu beschränken. Im Laufe der kommenden Jahre wurde die Brenndauer langsam und unauffällig auf 1000 Stunden gedimmt. Wer sich nicht daran hielt, musste mit empfindlichen Konventionalstrafen rechnen. Zu bezahlen in Schweizer Franken. Das Kartell bestand bis zum Zweiten Weltkrieg und wurde, so wird spekuliert, danach unter anderem Namen weitergeführt.

Drei Webcams überlebt
Ob es das Kartell heute noch gibt, muss angesichts der neusten Technologie mit LED bezweifelt werden. Lampen haben heute eine Lebenserwartung von 25 Jahren. Was angesichts unserer Glühlampe in der Feuerwehrwache noch immer sehr bescheiden ist. Vielleicht haben die Freunde der Obsoleszenz auch nur ein anderes Betätigungsfeld gefunden. Beispielsweise Webcams. Eine solche überträgt die, zugegeben eher mässig spannende Tätigkeit der «Centennial Light», rund um die Uhr. Wenn die Kamera nicht gerade kaputt ist. Seit die Webcam im Internet aufgeschaltet ist und zeigt, wie die über 100-jährige Lampe – ihr möge ein ewiges
Leben beschieden sein – glüht, musste die Webcam schon dreimal ersetzt werden. Was sagt uns das?

Vielleicht sollten wir wieder vermehrt eine Kerze anzünden, nicht nur in der Vorweihnachtszeit. Der sieht man wenigstens an, wie sich ihre Lebenszeit verkürzt, und wenn wir wollen, können wir sie einfach ausblasen.

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