Tor des Monats: Pedro Lenz

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 05.10.2018

Tor des Monats: Pedro Lenz
Michael Streun | (Nebelspalter)

Zürcher sind arrogant und halten sich für den Nabel der Welt: Das stand, schwarz auf weiss, kürzlich im ‹Tages-Anzeiger›. Eine Aussage, die unter normalen Umständen zustimmend abgenickt worden wäre, jedenfalls von allen Nicht-Zürchern. Die Zürcher ihrerseits hätten sich darüber beschwert, mit einem nachgeburtlich total nutzlosen Körperteil verglichen zu werden, worauf die Nicht-Zürcher postwendend ein passendes Organ vorgeschlagen hätten, das sowohl den Output als auch die Beliebtheit der Zürcher adäquater beschreibt.

So wäre es unter normalen Umständen gelaufen. Aber: Der Mann hinter der ‹Tagi›-Aussage war der bekannte und bislang besonnene Schriftsteller Pedro Lenz, und der Anlass dazu war der Entscheid des SRG-Verwaltungsrats, volle 170 Radiostellen von Bern nach Zürich abzuziehen. Ja genau, das ist der Verwaltungsrat jener SRG, die noch vor einem halben Jahr ihre föderale Struktur und die nationale Klammerfunktion als zentrales Argument im Kampf gegen die «No Billag»-Initiative ins Feld geführt hatte.  Während aus Bern eine grosse «Stellenab­bau»-Empörungswelle in Richtung Zürich rollte, sorgte der Poet mit seiner Aussage dafür, dass sich zeitgleich eine ähnlich grosse «Pedro Lenz»-Empörungswelle von Zürich in die Provinz hinaus ergoss. Unter normalen Umständen würde man die beiden Wellen als zufällige Koinzidenz werten. Aber wir leben in einer Zeit, die keinen Zufall mehr kennt. Wir leben in Zeiten, in denen das Sichtbare nur noch als Kulisse und Ablenkung dient für den verborgenen Plan dahinter. Die Kritik an Lenz soll die Kritik am Turicozentrismus übertönen.

Wie der verborgene Plan aussehen könnte, hat das Zürcher Medienportal «Watson» möglicherweise am 15. Juli des Jahres offengelegt: Ein Beitrag mit dem Titel «So gross müsste ein Gebäude sein, um die gesamte Menschheit zu beherbergen» zeigt Baupläne eines würfelförmigen Gebäudes mit 1442 Metern Kantenlänge, das zwischen Zürcher Hauptbahnhof und Bürkliplatz zu stehen käme.

Wir leben in Zeiten, in denen wir gar keine weiteren Beweise für dieses Jahrhundertprojekt benötigen, denn was können die Dementis von Wirtschaft und Behörden anderes sein als der Versuch, die Wahrheit noch etwas länger unter dem Deckel zu halten? Zürich ist nicht nur seit Langem das heimliche Zentrum der Schweiz, Zürich ist auf dem Weg zur Welthauptstadt. Hochverdichtetes Wohnen in jener City, die ohnehin seit Jahren zahllose Städterankings anführt, brächte eine Fülle von ökonomischen und ökologischen Vorteilen. Selbst, wenn das Projekt nur auf  Schweizer Ebene umgesetzt und die Gesamtbevölkerung des Landes an die Limmat umgesiedelt würde.

Hier eine moderne 8,5-Millionen-Metropole in Flughafennähe, dort 40'000 Quadratkilometer Schweiz, welche sich auf den Rückbau des hässlichen Agglomerationsbreis samt Autobahnnetz freuen dürfen. Hier ein Letzigrund-Stadion, das von den zehn städtischen Super-League-Clubs reibungslos gemeinsam genutzt wird, dort spannende Wochenend-Ausflugsziele wie das ehemalige Schweizer Regierungsgebäude im Freilichtmuseum Bern.

Auch Pedro Lenz wird sich sicher wohl fühlen, wenn er dereinst sein eigenes Appartement im Zürcher Gigawürfel beziehen darf – in unmittelbarer Nähe der geschätzten Berner Radiojournalisten, die einfach ein paar Jahre früher umgezogen sind.

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader