Tor des Monats: Tamara Funiciello

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 31.08.2018

Am Anfang war das Wort. Es blieb natürlich nicht bei dem einen. Wort für Wort hat die Menschheit die Welt, in der sie lebt, in Sprache eingefangen. Hell und dunkel, Wasser und Land, Tier und Pflanze, Mann und Frau, gut und böse, ja und nein. Ja heisst ja und nein heisst nein. Könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Wie viele Tage muss das Wetter Wetter sein, bis es Klima genannt wird? Wie viele Männer müssen ein Nein als Ja missverstehen, bis man sie alle als Müll bezeichnen darf?

Tor des Monats: Tamara Funiciello
Michael Streun | (Nebelspalter)

Mit dem Nein haben Männer strukturell ein Problem. Zu Tausenden standen sie in den letzten Wochen in ihren Gärten; geknickt, betrübt, wehmütig die Rundung ihres Kugelgrills streichelnd, den zu öffnen ihnen untersagt war, weil seit Monaten so viel Wetter herrschte, dass ein kleiner Funke ein Inferno hätte verursachen können. Wann wird ein Strohfeuer zum Flächenbrand? Wie viele Hitzetage machen einen Klimawandel? Ab wie vielen Fäkalinjurien redet man von einem Shitstorm?

Die Frau, die solche Fragen beantworten kann, heisst Tamara Funiciello. Denn als aufstrebende Politikerin kommt auch bei ihr das Wort immer am Anfang. Oft sogar vor dem Gedanken. Und als Feministin ist sie in den vergangenen Wochen im Zentrum eines sommerlichen Shitstorms gestanden. Weil sie ihr Land im Nebensatz eines Interviews darauf aufmerksam gemacht hat, dass «079», der Song, der gerade die erfolgreichste Single der Schweizer Chart-Geschichte geworden ist, eine sexistische Stalker-Story verharmlost: Der Ich-Erzähler versucht mit jahrelangem Telefonterror die Handynummer der Angebeteten in Erfahrung zu bringen, obwohl diese ihm nur die Vorwahl verraten hat – was nach feministischer Exegese einem klaren «Nein» gleichkommt, in patriarchaler Deutungstradition jedoch als neckisches Flirt-Signal verstanden wird.

Nach heutigem Kenntnisstand als gesichert gilt: Mit ihrer Kritik an «079» ist Tamara Funiciello leichtfertig über das Ziel hinausgeschossen und hat Gegenreaktionen provoziert, die einen sich gerade anbahnenden, hochstehenden, gesamtgesellschaftlichen  Diskurs über Gewalt an Frauen auf dem Weg zu einer epochalen Lösungsfindung nachhaltig zurückgeworfen haben. Aber klar doch.

Was Tamara Funiciello mit ihrer Kritik an «079» zudem übersehen hat: Der Song von Lo & Leduc steht gar nicht in der unappetitlichen Tradition Schweizer Grüsellieder, sondern bricht mit dieser. Denn der besungene Stalker wird vom Tram überfahren, just im Moment, als er sein Opfer hätte erstmals privat telefonisch belästigen können. Das ist eine mehr als gerechte Strafe, die in der Schweizer Musikgeschichte einmalig ist, denn Schweizer Musik hat sehr wohl ein Frauenproblem. In Züri Wests grösstem Hit «I schänke dir mis Härz» (1994) wird ein Bordellbesucher idealisiert, der versucht, eine Prostituierte ohne Bezahlung zu sich nach Hause zu nehmen. Der Skandal bleibt aus. Polo Hofer droht als bumsfideler «Teddybär»  (1976) unverhohlen: «U wül mi das so ufgstellt het, muesch mi no mängisch nä.» Der Skandal bleibt aus. Und bereits im Guggisberglied (1741) wird das «Vreneli» als schmachtende Frau, die dümmlich auf ein Mühlrad starrt, dargestellt, während «Simes Hans Joggeli» sein Leben in der Fremde in vollen Zügen geniesst. Die Rollenbilder sind haarsträubend, aber der Skandal bleibt auch da aus. All diese Songs sind noch heute im Handel und werden oft im Radio gespielt.

Einmal mehr muss uns das Ausland vormachen, wie man mit Popmusik positive Rollenbilder vermitteln kann. Im aktuellen Hitparaden-Song «Swalla» des feinfühligen US-amerikanischen Popsängers Jason Derulo lädt das spendable lyrische Ich seine Liebste ein, von seinem Saft zu kosten, und schlägt sogar vor, dass auch all ihre durstigen Freundinnen davon schlucken dürfen. In «Candy Shop» ermuntert der New Yorker Sprechsänger «50 Cent» seine Angebetete wiederholt, beim Schlecken des Lollipops keinesfalls innezuhalten, bis sie einen bestimmten Punkt erreicht habe. So geht frauenfreundlich!

Wie viele Shitstürme braucht es, um den gesellschaftlichen Klimawandel zu belegen? Ab wie vielen Fäkalinjurien droht ein Flächenbrand? Wie viele Strohfeuer führen zum Inferno? Nach heutigem Kenntnisstand als gesichert gilt: Wenn hüben wie drüben nur noch empört und nicht zugehört wird, wenn von Abertausenden Wörtern unserer Sprache nur noch «gut» für sich und «böse» für die anderen übrig ist, werden den Unworten irgendwann Untaten folgen. So gewaltig, dass auch Derulo der Saft ausgehen wird.

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