Einer trage des anderen Last

Jan Peters | veröffentlicht am 25.07.2018

Das Flüchtlings-Elend lässt sich längst nicht mehr mit der Fernbedienung unseres Home Cinemas wegzappen. Es folgt und verfolgt uns geradezu und vermiest uns jeden Tag, an dem wir uns für das Allgemeinwohl abschinden müssen.

Einer trage des anderen Last
Oliver Schopf | (Nebelspalter)

Vor der Migros- oder Coop-Filiale  steht das Elend untätig herum und versucht mit antrainierter Leidensmine, uns «Surprise»-Heftchen anzudrehen, in denen in larmoyanter Weise davon berichtet wird, wie schlecht es dem Flüchtling bei uns angeblich geht. Versuchen wir dann, uns in die vollklimatisierten Verkaufsräume zu retten, um dort das Überlebensnotwendigste einzukaufen, lauert uns davor schon die grundtraurige Mama Africa auf, die uns mit ängstlichen Augen den «Surprise»-Artikel vor die Nase hält, in dem schon wieder steht, wie schlecht es ihr geht; und zwar nicht zuhause in Afrika, wo die Kaffern den Hottentotten die Schädel einschlagen, bloss weil die anderen vom falschen Stamm sind, sondern ausgerechnet bei uns! Aber wer fragt eigentlich uns, als die Eingeborenen in unserem eigenen Land, wie es uns bei diesem demonstrativ zur Schau gestellten Elend geht?

Der Weg ins Armenhaus
Wenn Sie zum Beispiel daran denken, wie Sie sich jedes Jahr aufs Neue damit abquälen müssen, diese verfluchte Steuererklärung, die Sie noch ins Armenhaus bringen wird, auszufüllen, da kommt Ihnen dann der fromme Spruch aus dem Brief des Paulus an die Galater, den die Himmelskomiker sonntags von der Kanzel verlesen, sicher wie blanker Hohn vor: «Einer trage des anderen Last!» Es ist zum Mäusemelken! Oder hat Sie jemals irgendeiner von diesen überbezahlten Deppen aus Ihrer örtlichen Steuerbehörde angerufen und gesagt: «Herr Müller – dies gilt natürlich auch sinngemäss, wenn Sie ‹Meier› heis­sen. Nur, dass man Sie dann hoffentlich mit ‹Herr Meier› anspricht – um Gottes und aller Heiligen willen, Herr Müller, Sie zahlen doch viel zu viel Steuern an uns! Wollen Sie sich eigentlich ins Verderben stürzen, Herr Müller? Sie könnten doch noch weitaus mehr von Ihrer völlig überhöhten Einkommens- und Vermögenssteuer abziehen. Geben Sie einfach an, von den 180 Quadratmetern Ihres Zweitwohnungsluxuslofts im Zentrum von Zürich seien 178 Quadratmeter Arbeitszimmer. Ist doch scheissegal, ob das stimmt oder nicht. Wir haben gar nicht die Kapazitäten, so was grossartig zu prüfen! Mut, Müller, ran an den Speck – setzen Sie doch den ganzen Mist ab, bevor Sie am Bettelstab gehen, wir drehen Ihnen keinen Strick draus! Schliesslich sind wir eine bürgernahe Servicebehörde, die Wert darauflegt, dass Sie uns mögen. Das tun Sie doch, Müller, oder etwa nicht?»

Elend, wohin man sieht
Zurück zum Fremden und seinem «Elend»; sieht man sich zum Beispiel etwas genauer an, mit welchen Unsummen aus sozialen Füllhörnern unerschöpflicher Tiefe die Flüchtlinge bei uns bereits bei ihrem Eintreffen in unserem grossherzigen Vaterland überschüttet werden, dann kann man dazu doch nur meinen: Das ist eher Wohlstandsverwahrlosung als Not, was diese Flüchtlinge hier bei uns auszustehen haben. Im Kanton Aargau etwa erhalten die erwachsenen Asylsuchenden in Gemeinschaftsunterkünften pro Tag satte 9 Franken plus 1 Franken Taschengeld cash, womit sie Essen, Trinken und Hygieneartikel locker berappen können. Vergleichen Sie das mal mit den Almosen, die Sie als Trinkgeld von Ihrer knausrigen Frau Gemahlin erhalten. Wenn überhaupt mal etwas für Sie abfällt, dann müssen Sie darum auf Knien betteln, während der Flüchtling nur die hohle Hand auf dem Amt zu machen braucht.

Tägliche Mühsal
Und im Arbeitsleben sieht es noch viel schlimmer aus: Die meisten von uns schleppen sich jeden Morgen kraft- und mutlos ins Büro, wo sie von inkompetenten Chefs herumkommandiert und von tückischen Kolleginnen und Kollegen hinters Licht  geführt und gemobbt werden. Wir bekommen einen Hungerlohn für qualvolle Arbeit, die vom Vorgesetzten hohnlachend im Shredder versenkt wird – während sich das Management grinsend die Taschen mit der von uns erarbeiteten Kohle vollstopft. Und diesem Parasitenpack vom Aktionariat fällt ausser Couponschneiden und auf Hurtig-Routen-Kreuzfahrten bescheuert durch die Gegend zu gondeln keine sinnvolle Tätigkeit ein.

Längst nicht alle Berufstätigen erreichen das Pensionsalter bei intakter Gesundheit; etliche von uns brechen schon weit vorher unter der Last zusammen und müssen wegen akuter Burn-outs behandelt werden. Nicht so der Flüchtling, der regelmässig an der frischen Luft unseren Müll sammeln darf. Wenn er die Augen aufmacht, kann er in diesen Wertstoffen auch viel Nützliches finden: Die eine oder andere Dose enthält energiespendende Getränkereste, die er gern konsumieren darf, ohne dass ihm dies von seinem üppigen Tagegeld abgezogen würde.

Last der Verantwortung
Sogar die Achse Paris–Berlin steht unter Belastung, weil Angela Merkel die christlich-soziale Bürde, die ihr CSU-Seehofer mit seinen Flüchtlingsvorhaben auferlegt, nicht mehr allein (er-)tragen kann. Ist dies alles eigentlich dem Flüchtling in seinem todschicken Luxuswohncontainer bewusst, wenn er sorglos fröhlich in den Tag hineinlebt, während wir mühsam seine Last tragen?

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