Wintersonnenwende im Hochsommer

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 06.07.2018

Wintersonnenwende im Hochsommer
Silvan Wegmann | (Nebelspalter)

Können Sie es auch kaum erwarten? Freuen Sie sich auch bereits auf die persönliche Talsohle des Jahres? Sind Sie auch schon gespannt, auf wie viele Wannen Sie dieses Mal kommen? Falls Sie jetzt nur Bahnhof verstehen, ist das schon mal ganz schlecht. Denn die Talsohle, also der sprichwörtliche Punkt, nach dem es nur noch aufwärtsgehen kann, befindet sich am Flughafen – beim Security Check.

Ferien dienen bekanntlich der Erholung, Reisen verschafft Abstand zum grauen Alltag, das Brutzeln am Badestrand füllt den Seelenakku mit Energie für die folgenden Monate im Arbeitsmoloch – bis der Akku zum nächsten Ferienantritt erneut seinen niedrigsten Ladestand erreicht: Eingepfercht ins Gatter zum Gate, geschoben und geschubst in der Schlange zur Sicherheitskontrolle, wo der Kunde nicht König ist, sondern jeder Tourist ein potenzieller Terrorist. Genau hier wartet der tiefste Punkt, der entwürdigendste Moment des Jahres. Und genau hier geht leider in der Hektik allzu oft vergessen, dass man diesen Moment feierlich begehen sollte wie ein Schamane die Wintersonnenwende.

Aber leider ist man auch diesmal allzu sehr mit sich selbst beschäftigt: Schon mal die Jacke auszuziehen, weil die gleich in eines dieser Kunststoffbecken muss. Dabei das Flugticket und den Ausweis nicht aus der Hand verlieren. Schon mal die Uhr, den Ehering und das Hosensackmünz irgendwohin sinnvoll verstauen. Dabei darauf achten, dass der Kabinentrolley Schritt für Schritt mitgeschoben wird. Schon mal den Gürtel mit Metallschnalle ausschlaufen. Dabei darauf achten, dass einem die Hose nicht runterrutscht, weil man den obersten Knopf schon vor Ferienbeginn nicht mehr zubringt. Dann endlich unter den argwöhnischen Blicken des Sicherheitspersonals seine Siebensachen auf verschiedene Gepäckwannen verteilen, um endlich selbst durch den Personenscanner gewinkt zu werden. Dabei darauf achten, möglichst ungerührt die Hose wieder nach oben zu ziehen, die auf Kniehöhe gerutscht ist, nachdem ein Uniformierter mit Detektorstab verlangte, mit ausgestreckten Armen zur Nachkontrolle anzutreten.

Für diesen kurzen, flüchtigen Augenblick, an dem es nicht nur für die Hose, sondern auch für die Würde und Integrität der Person insgesamt nur noch aufwärtsgehen kann, gebührt dem internationalen Terror trotz allen Übels so etwas wie Dank, denn ihm wohnt etwas Rituelles und Reinigendes inne. Unverständlich nur, dass es für Ferienreisen im eigenen Auto nichts Vergleichbares gibt, obwohl der Privatverkehr weit mehr Todesopfer fordert als die Luftfahrt. Würde man die Sicherheitskosten der Airlines auf die Strasse umrechnen, hätte jede Autobahneinfahrt ihren eigenen Nacktscanner. In diesem Sinne: Schöne Ferien und allzeit sitzende Beinkleider!

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