Der Doppeladler ist des Schweizers Absturz

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 06.07.2018

Der Doppeladler ist des Schweizers Absturz
Michael Streun | (Nebelspalter)

Bevor wir zu Stephan Lichtsteiner kommen, erst einmal herzlichen Glückwunsch! Sie haben den 1291. Artikel über die umstrittene Doppeladler-Geste vor sich, der in Schweizer Medien seit dem WM-Vorrundenspiel gegen Serbien geschrieben worden ist. Und, das versteht sich von selbst, natürlich den Einzigen, den Sie gelesen haben sollten. Die drohende Staatskrise ist ja inzwischen überwunden. Was bleibt, ist die Einsicht, dass Fussball eben doch die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln ist. Auch wenn in vier Jahren, zum Anpfiff der nächsten Fussballweltmeisterschaft, bestimmt erneut dümmlich herumlamentiert wird, wie sehr das Turnier doch die wirklich wichtigen Probleme auf diesem Planeten wochenlang in den Hintergrund dränge.

Bevor wir zu Lichtsteiner kommen, sei die Frage erlaubt: Was soll an einer Fussball-WM denn bitteschön nicht politisch sein? Treten da vielleicht nicht Nationalmannschaften gegeneinander an? Werden da nicht vor jedem Spiel Nationalhymnen gesungen, die in ihrer Quintessenz in aller Regel den Mythos beschwören, wie auserwählt das eigene Volk ist? Gehen in den vier WM-Wochen etwa nicht mehr Staatsflaggen über den Ladentisch als in sämtlichen 47 Monaten davor oder danach? Wer jetzt argumentieren will, man müsse eben zwischen einem gesunden und völkerverbindenden Patriotismus und problematischer Propaganda unterscheiden, kann sicher auch erklären, weshalb ausgerechnet im Sport das ganze Arsenal klassischer Feindbild-Rhetorik eine unreflektierte Heimat gefunden hat: Fans heissen Schlachtenbummler, Mitstreiter mit fremdem Pass nennt man Söldner – und Gegner werden eliminiert, zerlegt, pulverisiert oder sonst wie vernichtend geschlagen.

Bevor wir zu Lichtsteiner kommen, muss festgehalten werden, dass es den guten Nationalstolz ohne seinen hässlichen, braunen Zwillingsbruder schlicht nicht gibt. Das zeigen die Reaktionen auf den «Doppeladler» überaus anschaulich: Der Stammtisch brüllt Landesverrat, das Feuilleton dokumentiert die heraldische Bedeutung des Doppeladlers bis zu den Babyloniern zurück, der Rechtspopulist fordert den Ausschluss aus der Nati und der Soziologe erörtert die Frage, ob zwei unterschiedliche nationale Identitäten in ein und demselben Individuum überhaupt koexistieren können. Aber vor allem: Die Bevölkerung im ganzen Land kennt über Tage kein anderes Thema.

 Es spielt also – huch, na so was – immer auch eine gute Portion Nationalismus mit, wenn die Nati gegen ein anderes Team antritt. Dies zu leugnen, ist dumm genug. Doch eigentlich ist noch viel dümmer, dass der ritualisierte Stellvertreterkrieg auf dem Fussballrasen nicht wirklich zu Ende gedacht ist. Wenn schon der Sieg von elf durchschnittlich intelligenten, hochbezahlten Männern in einer im Grunde von vielen Zufällen geprägten Sportart eine ganze Nation in Freudentaumel versetzen kann, sollte man das politisch besser nutzen können. Wenn schon die Niederlage der Nationalelf unseren deutschen Nachbarn stärker beschäftigt als das drohende Scheitern der Bundesregierung, sollte das erlittene Trauma wenigstens einen Sinn ergeben. Mit andern Worten: Wenn Fussballländerspiele schon emotional so aufgeladen sind, als ginge es um alles oder nichts – könnte es da nicht wenigstens realpolitisch tatsächlich um etwas gehen?

Warum spielt die Schweiz bei der nächsten Partie gegen Deutschland nicht um bessere Konditionen im Fluglärmstreit? Oder gegen Italien um den Anschluss des Veltlins? Warum testet Trump nicht auf dem Fussballfeld, ob mauern gegen die Mexikaner hift?

Und nun zu Lichtsteiner. Der hat alles richtig gemacht. Nicht trotz Doppeladler. Sondern gerade weil er auf dem Fussballfeld Politik betrieben hat – während die Kollegen Xhaka und Shaqiri ihre Handzeichen zur spontanen Privatsache umzudeuten versuchten. Lichtsteiner sollte nach seiner aktiven Zeit als Fussballer ganz in die Politik einsteigen und der Schweiz endlich zum eigenen, offiziellen Wappentier verhelfen. Dass ein solches Wappentier fehlt, hätte längst schon als Mangel empfunden werden müssen. Wenigstens hat das Landesmuseum im vergangenen Jahr danach gesucht und Vorschläge wie Kuh, Bernhardiner oder Murmeltier präsentiert. Unser persönlicher Favorit wäre die siebenköpfige Schnattergans, welche die aktuelle Situation im Bundesrat besonders gut widerspiegeln würde. Bis zu einem endgültigen Entscheid taugt der Doppeladler jedoch genauso gut als Providurium wie der Schweizerpsalm.

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